Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab’s nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: „So schön wie bei uns ist es nirgends.“
Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: „Hier, Frau, das habe ich draußen auf der Straße gefunden.“ Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: „O so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!“ Und beim Behalten war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein
hübsches, großes Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude hatten.
Meister Friedolin bei der Arbeit
Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft: „Schade, daß sie nicht lebendig sind!“ Und wie sie das einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war es, — draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste der Sturm — da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: „Einen lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.“
Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz ernsthaft: „Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.“
„Wie die Uhr,“ rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab’s Bäume und Blumen und allerlei Getier des Waldes.
Der Meister Friedolin nickte. „Ja freilich,“ sagte er, „die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn auch manchmal über Land gegangen und hat
da und dort wochenlang gearbeitet; auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem Waldhaus.