Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp — schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu

hat der kleine Kerl ein ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte er’s schon fünfzig Jahre auf dem Leibe.

‚Wer bist denn du?‘ hat mein Ahn gefragt.

Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben.

Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut

geraten. Bald wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.“

Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: „Aber das Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?“

Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. „Ja, wenn ich das wüßte!“ brummelte er. „Mein Großvater selig hat’s noch gewußt; aber der ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater soll’s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab’ das Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.“

„O wie schade!“ rief Liebetraut. „Wie wäre das lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle hier!“

Der Meister schmunzelte. „Das glaube ich wohl, du Tollkopf,“ sagte er, „das könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen herum!“