Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt hatte, daß just niemand anders sein Räubergesicht sah, und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll dreinblickte,

schalt die Lehrerin: „Aber Base, das Büble tat doch nichts! Sei nicht so ungut!“

„Hach!“ Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck. „Jetzt, jetzt hat er wieder so ausgeschaut,“ jammerte sie. „O du meine Güte, mit dem gibt’s noch ein Unglück!“

Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich drein. Es fiel ihm ein, wie die Kinder gekreischt und gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf gegangen war, er sah auch in Kasperles Augen den Schalk glitzern und funkeln, da dachte er: Ich muß wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline mal wieder „hach!“ und „ach!“ schrie, sagte er streng: „Nun ist’s genug; Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute ausschlafen; morgen fängt die Schule wieder an, da muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht gemacht,“ fügte er drohend hinzu.

Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte Kasperle betrübt, als er sich im Bette ausstreckte. Ich doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer ging. Die lag neben der seinen. Da stieg das Kasperle flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen Stock, der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an der Base Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun wollen und fiel vor Schreck mitsamt ihrer Haube kopfüber in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte und meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor ihrem Fenster. Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr

Licht und rannte in Kasperles Kammer hinüber. Doch da lag das Kasperle im Federbett ganz still und friedlich und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base Mummeline schüttelte den Kopf. Das war doch wohl ein Gespenst gewesen und nicht der fremde Bube. „Hm, hm!“ brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber drehte sie sich noch einmal um und — „hach!“ kreischte die Base wieder und stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln. Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie rannte an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der Schullehrer und seine Frau kamen angerannt und fragten erschrocken, was der Lärm bedeuten solle. „Da — da drin liegt ein Gespenst!“ jammerte die Base und zeigte nach Kasperles Kammer. „Es ist ein Gespenst!“

„Unsinn!“ Herr Habermus tat die Türe auf und sah hinein. Da lag Kasperle fromm und friedlich im Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. „Was die Base nur hat!“ brummte Herr Habermus ärgerlich und schloß sachte Kasperles Kammertüre. Ach, dessen bitterböses Räubergesicht hatte eben nur die Base Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die halbe Nacht nicht vor Grausen über den unheimlichen kleinen Gast.

Neuntes Kapitel
Kasperle in der Schule

Am nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male in die Schule. Er war sehr brav aufgestanden, hatte still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die Base Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so schlimm. Dann wanderte Kasperle an Herrn Habermus’ Hand hinüber in die Schulstube, und der Schullehrer sagte: „Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.“

Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus sah ganz verdutzt drein; so waren doch sonst seine Schulkinder nicht. Er sah die an, er sah Kasperle an; der stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben ihm. „Aber stille doch!“ rief Herr Habermus. „Kasper, sage nun einmal allen guten Tag.“