„Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,“ meinte die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. „Er ist nicht da,“ rief sie; „nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet staunen!“
Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle gezeigt und laut verkündet: „Wenn ihr einen findet, der so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe Belohnung.“ Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. „Seht ihr,“ schrie die Base Mummeline, „ich hab’ es immer
gesagt: mit dem Buben ist’s nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will es der Herzog.“
Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: „Armer kleiner Kerl!“
Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: „Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen. Ich hab’ es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen Goldgulden hab’ ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!“
Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: „Armes, armes Kasperle!“ und ihr Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst.
Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. „Kasper,“ rief sie, „da bist du ja! Hast du alles gehört?“
Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und sah sie flehend an. „Ausreißen!“ bettelte er. „Ausreißen!“