„Ja, ja.“ Die Frau Lehrerin nickte. „Ich kann mir’s schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!“ Und sacht streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: „Versuche dein Heil! Geh hinten zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir’s schon verzeihen, daß ich dir geholfen habe.“

Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war

aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base Mummelines Stimme: „Sie kommen!“

Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.

„Die Buben spielen am Bach,“ rief jemand, und gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.

Aber wo war denn Kasperle?

Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. „Er ist ausgerissen!“ riefen die Base und der Kasperlemann. „Wir suchen,“ sagten die Landjäger. „Platz da, erst suchen wir das Haus ab.“ „Alle müssen suchen helfen,“ schrie der Schulze. „Na, das wäre doch eine Schande, wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!“

Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die

bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: „Es wird ihm schon nichts geschehen!“

Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: „Nun müssen wir noch in der Kirche nachsehen.“