Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer höher, und die Eulen, die sich gerade ihren Tagesschlaf aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den kleinen, sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie erschraken sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser: „Nehmt euch in acht, der hat es auf die Kleinen, die Nestlinge abgesehen!“ Da schrien alle Eulen; unheimlich klang es, und alle schwirrten empor. Und auf einmal flatterte und rauschte es Kasperle um den Kopf, und er sah in viele funkelnde, böse Eulenaugen. Er erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche Angst vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff ihn, und er wollte die Treppe eiligst wieder hinabsteigen. Doch er trat fehl und fiel, die Eulen kreischten laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst den Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.

„Bum, bum, bum!“ tönte es dumpf.

Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge um diese Zeit waren ihnen ganz ungewohnt. Sie flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke geriet ins Schwingen. „Bum, bum, bum, bimbam, bimbam!“ Die Glocke begann lauter und lauter zu

rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die Glocke schwang heftiger hin und her, die Eulen flatterten wild und Kasperle hing am Strick und flog hin und her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße nicht mehr auf den Boden setzen.

„Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!“ Über das schlafende Dorf rauschten die Glockenklänge. Die Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren erschrocken in ihren Betten empor. Die Glocke läutete, was war das? Der Schneidermeister Pimperling sprang zuerst auf die Dorfstraße hinaus. „Feuer!“ schrie er, „Feuer! Feuer!“

Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern stürzten die Leute, und alle schrien sie: „Feuer! Feuer!“ Und alle sahen sie sich um, wo es denn eigentlich brennen könnte. „Die Wassereimer her, die Wassereimer her!“ schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze gab es damals noch nicht in Waldrast. Und alles lief und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer fragte den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den Gedanken kam, das müßte doch der wissen, der die Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?

Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst geworden. Er hielt sich schließlich verzweifelt am Gebälk fest, ließ den Strick fahren und sauste nun etwas unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen war er, und als er von draußen, von der Dorfstraße

her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst gar nicht, was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle endlich einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem Schlafe geweckt. Er hörte „Feuer! Feuer!“ schreien, er hörte lautes Rufen und Fragen vor der Kirchentüre, und da — Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe hinab, jemand hatte draußen laut gerufen: „Ich wette, das ist der Kasper gewesen, der hat sich in der Kirche versteckt.“ Es war die Base Mummeline, die das rief.

„Die Türe ist aber verschlossen!“ rief jemand anders.

„Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,“ verlangten ein paar Stimmen. „Flink, holt ihn!“