„Es muß alles genau untersucht werden,“ befahl der Herzog. „Auch soll das Schloß ringsum bewacht werden. Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!“

Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich das laute Rufen weiter im Schlosse fortsetzte, und er hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der Leibarzt müsse kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden. O heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte er sich vielleicht ins Bett, und das Kasperle war noch mehr gefangen.

Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett. Er war nämlich an diesem Tag zu früh aufgestanden, das war seine schlimmste Krankheit. Während der Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge herbeibrachte für den Herzog, saß nebenan Kasperle trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der Wurst

herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war durstig geworden und sehnte sich nach dem schönen Quellwasser, das er mit Michele zusammen getrunken hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen, das winzige runde Fenster mit dem dichten Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch ging draußen der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner, schmaler Lichtstreif in die Kammer, und Kasperle sah zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter, tappte sich zu dem Loch hin und sah nun zu seinem großen Erstaunen durch die kleine Öffnung gerade in des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing innen in des Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen. In seinem Schwertknauf war das kleine Guckloch, und es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der Leibarzt saß daneben, dabei noch zwei Herren. In dem einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, Rosemaries Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die in dem Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte davon dem Grafen, der erst später gekommen war. Kasperle spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er sich fester an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: „Was raschelt da so?“

Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das Gleichgewicht und purzelte mit ungeheurem Getöse von

der Kiste herab. O jemine, gab das wieder einen Aufstand! „Es ist nebenan,“ rief der Herzog, „in dem Saal, schnell, schnell, man muß nachsehen!“

Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in den großen Speisesaal, der an des Herzogs Zimmer grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer dick, und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den riesigen Schränken, die im Speisesaal standen, könnte die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden abgesucht, Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern, von einem raschelnden, purzelnden Gespenst war aber nichts zu sehen. Von der schmalen Kammer zwischen den Wänden ahnte niemand etwas.

Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel geworden. Als Kasperle endlich wagte, wieder durch das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog Kamillentee trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen: „Wenn das Gespenst nur nicht das Kasperle ist!“

„Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?“ Der Herzog richtete sich erschrocken auf und machte solche böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink zusammenduckte.

„Ja,“ sagte drüben der Diener, „ein Landjäger hat erzählt, sie hätten vor einiger Zeit das Kasperle beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da wieder auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das Kasperle seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe, da ist es doch möglich, daß sich der kleine Kobold hier versteckt hat.“