Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der sah den Freund tief erschrocken an. „Kasperle,“ sagte er leise, „das Geld gehört dem Herzog; das — das — ist — gestohlen!“

„Nä!“ Kasperle riß seine Augen weit auf. „Ich hab’s doch gefunden!“

„Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles, was drin ist, gehört dem Herzog!“ Michele war blutarm, und er wäre himmelgern lieber ein Geigenspieler statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den Beutel nicht an. „Du mußt das Geld zurücktragen,“ sagte er, „es gehört dir nicht. Weißt du, schon die Würste zu nehmen war arg böse.“ Und Kasperle mochte sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.

Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich an und flüsterte leise: „Du bist gut.“ Er ließ den Kopf hängen, denn er schämte sich, daß er nur ein unnützes Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich es ihm war, noch einmal durch den langen, langen, finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er wolle es tun.

„Gleich,“ riet Michele, „ehe der Hofbaumeister die Türe findet.“ Er kramte aus seiner Tasche ein Stückchen Licht und eine Schachtel Streichhölzer heraus; auf den Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er die Herrlichkeiten hin.

Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in den unterirdischen Gang hinein. Innen zündete er das Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, er kam bis zur Treppe, und da — wurde das Kasperle wieder unnütz. Er schleuderte nämlich den Geldsack heftig gegen die Türe, der Herzog sollte noch einmal tüchtig erschrecken. Doch was war das, — die Türe ging auf! Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.

Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte Hals über Kopf die Treppe hinab, in den Gang hinein. Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es wieder anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es hell, er kroch durch das Gebüsch. Unweit davon weidete Michele seine Geißen. „Ausreißen!“ rief Kasperle, „ausreißen!“

Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen. Er trieb seine Herde an, und die armen Geißen mußten wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen verging. Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die Freunde sich zuerst getroffen hatten, hielt Michele an. Kasperle sank ganz atemlos zu Boden, Michele brachte ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte dabei Michele verlegen an. Was würde der sagen?

Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude an unnützen Streichen. Er lachte und meinte, der Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein gefreut, und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die

geheime Schatzkammer sei. „Aber nun hast du keinen Unterschlupf,“ fügte er traurig hinzu. „Hier zwischen den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange drin hausen kannst du nicht. Und — und“ — Michele tat einen ganz tiefen Seufzer — „was machst du, wenn ich nicht mehr komme?“