Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten Gesichter. Die Kinder jauchzten laut, und der alte Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. „Ihr habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!“ sagten die Frauen. „Wo habt Ihr denn den her?“

Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar sonderbar vor, und als die Frauen und die Kinder endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen kleinen Gast: „Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage doch, wo hast du deine Grimassen gelernt?“

Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte ihm nun, wer er sei. Aber darüber wurde der Alte bitterböse: „Schäme dich,“ rief er, „einem alten Mann solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst du sein? Ei, mein Lebtag habe ich noch nicht gehört, daß ein Kasperle etwas anderes als eine Holzpuppe ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!“

Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar nicht, wie er es dem erzürnten Gärtner erklären sollte, daß er wirklich ein Kasperle sei.

Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner junger Mann trat herein. Der schaute verwundert den Alten an und sagte: „Was habt ihr denn, Meister Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten hören.“

„Ach, Sie sind’s, Herr Severin!“ rief der Gärtner. „Nun hört einmal, was mir dieser Schelm, den ich gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für Lügengeschichten aufbindet!“ Er erzählte ärgerlich, was Kasperle ihm eben gesagt hatte, und Herr Severin blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit seinen schönen, dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig den Kopf. „Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,“ sagte er, „es ist wirklich ein echtes, lebendiges Kasperle. Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir einmal erzählt, irgendwo im Atlantischen Ozean liege eine winzige Insel, auf der die wunderschönsten

Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles. Blieben sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber sonst würden sie leben und sterben wie wir Menschen. Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann könne er wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse immer ein kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes Kind müsse über ihn lachen.“

Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm plötzlich ganz wind und weh zumute. Er fing bitterlich an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er vergessen, er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen, aber wie ein Traum war ihm der Gedanke an den blühenden Garten. Da sagte der fremde schöne Mann mitleidig: „Du armes verlaufenes kleines Kasperle, du!“ Das klang beinahe wie gestern die Musik und tröstete Kasperle wundersam. Ganz leicht und froh wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.

Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den Kopf, die Kasperlegeschichte kam ihm zu sonderbar vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal erzählen, was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und seine Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und dann sagte Herr Severin: „In einiger Zeit reise ich fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden, denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.“

„Und bis dahin bleibst du bei mir,“ sagte Meister Helmer. „Ich will wohl achtgeben, daß dir nichts geschieht.“