Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als Meister Helmer sagte: „Geh, pflücke für Herrn Severin einen Strauß,“ da lief er eilig im Garten hin und her und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß. Der Gärtner und Herr Severin lachten, als sie ihn sahen, und Herr Severin sagte, dies sei ein so fröhlicher Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe. Dann ging er. Er wohnte dicht an dem schönen Garten in einem der alten Stadtmauertürme, und Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei ein gar großer Künstler. Wenn er ein Instrument spiele, bekomme es eine Seele. Und von weit her, aus fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle kommen, damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.

Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte nun, daß es Herr Severin gewesen war, der gestern Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich schon darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich schwebten am Abend die sanften Töne wieder über den blühenden Garten. Die Blumen dufteten, und Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem Hause und hatte alle Angst verloren, es könne ihm jemand etwas Böses antun.

Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer: „Kasperle, heute ist Sonnabend, da kommen viele Leute und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde sie so bunt und lustig wie gestern den für Herrn Severin.“

Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an Blumen zu schneiden, und er band sie so bunt überecks zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und wie der Gärtner lachten auch die Leute, die kamen, um Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz griesgrämige alte Muhme lachte über das ganze Gesicht, als ihr Meister Helmer einen Strauß gab. „So einen Strauß hab’ ich noch nie gesehen,“ rief sie; „ei, da muß man ja lachen, ob man will oder nicht!“

Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte Kasperlesträuße haben, und alle lachten sie über den drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase im Garten herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich sagte der Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine Blumen mehr übrig. Aber staunend sah er, wie geschickt Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es schien, als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer, und als am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm, wie brav Kasperle sei.

Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber doch ein unnützer Schelm! Ein Kasperle muß eben kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft hatten es bald heraus, was Kasperle für ein Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und schon nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu Meister Helmers Garten. Die Kinder standen am

Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den Garten kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann schnitt Kasperle sein Räubergesicht, schaute wie ein dummer August drein oder machte gar eine Teufelsgrimasse. Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen, aber als Herr Severin das einmal sah, warnte er: „Kasperle, Kasperle, du verrätst dich noch!“

Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle himmelangst. Ein paar Buben riefen, ihm nämlich zu: „Kasper, kommst du übermorgen mit auf den Jahrmarkt? Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so fein wie du!“

Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden. Wenn das der Kasperlemann war, der ihn überall suchte! Ganz kläglich erzählte er Meister Helmer vom Jahrmarkt; da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.

Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise kamen gar keine Kinder. Kasperle half fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus, war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin, als Herr Severin in den Garten kam. Der trug einen großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, ging rasch in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er möchte ihm flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte er Kasperle, hielt den fest und zog ihn mit in die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten hin, öffnete ihn und sagte: „Flink, flink, Kasperle, geh dahinein!“