„Doch, sie stört, sie muß ins Bett,“ erklärte Herr Severin und tat ganz streng.
Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal kommen, um dem Spiel des fremden Künstlers zu lauschen. Aber alle Dienstboten standen hinter den Türen, und Herr Severin spielte so wundersam, daß der Herzog zu weinen anfing.
Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt mit Rosemarie zusammen in einer winzigen Stube neben Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel es ausgezeichnet darin. Der gute Herr Severin hatte Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde. Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte,
und dazwischen schmauste er Kuchen und Schokolade; dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. Rosemarie graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der erzählte, wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da weinte sie bittere Tränen. „Du armes, armes Kasperle!“ sagte sie sanft; „wie gut, daß du ins Waldhaus zurückkommst!“ Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig und schalt: „Ei, du Unnütz du!“ Und alle, die Kasperle geholfen hatten, die Schullehrersleute, Meister Helmer und vor allem das Michele gewann Rosemarie gleich lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. „Der muß auch mein Freund werden,“ sagte sie. „Und wenn er groß ist und so schön spielen kann wie Herr Severin, dann —“ „heiratest du ihn,“ rief Kasperle. Und plötzlich rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht. „Und ich bin dann immer noch ein Kasperle!“ klagte er.
Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er bis dahin seine Heimatinsel gefunden. „Ich will auch suchen, wenn ich groß bin,“ versprach sie, „und Michele soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.“
Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte noch den letzten Rest Kuchen in seinen großen Mund, und dann erzählte er noch flink die Geschichte mit den Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis Herr Severin kam und sagte: „Ei, flink ins Bett, Rosemarie du feine, es ist schon arg spät!“
„Auf Wiedersehen morgen!“ flüsterte Rosemarie noch, dann huschte sie zum Zimmer hinaus. Es merkte
niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war. Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von Michele und von dem schönen, bunten Garten. Doch als sie aufwachte, da war Herr Severin mit seinem schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie konnte ihn nicht mehr sehen.
Fünfzehntes Kapitel
Wieder daheim im Waldhaus
Herr Severin zog mit Kasperle wieder durch den Wald. Abwärts ging’s, immer tiefer ins Tal hinein, bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe Postkutsche wieder erreichten. „Trara, Trara!“ blies der Postillion, Herr Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen, und fort ging es in die Weite. Kasper schaute aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da sah er das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam der Weg, den er mit dem Grafen von Singerlingen gefahren war. Und weiter ging es, immer weiter. Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein langer Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian! Ein Dorf tauchte auf, es war Protzendorf.