Die Kinder kicherten, der Alte aber rückte seine Brille zurecht, um den Fund genauer anzusehen. Aber plötzlich wurde er leichenblaß und seine Hände zitterten. Hastig löste er einen Riemen, mit dem das schwarze Ding zugeschnallt war, eine rotbraune, aber auch verwitterte Tasche kam heraus. „Mutter!“ rief Klaus Hippel mit bebender Stimme, „Mutter, wahrhaftig, es ist die Tasche von unserm Friedrich!“

„Du lieber Gott!“ stammelte Frau Paulinchen und faltete die Hände, „wie ist das möglich?“

Die Kinder standen in stummem Staunen da, wie ein Märchen schien ihnen, was sie sahen. Der alte Mann hatte unterdessen die Tasche geöffnet, in der einige schwere Rollen steckten. „Das Geld ist drin, lieber Gott, ist das ein Glück!“ murmelte er, und dicke Tränen liefen über seine gefurchten Wangen. Und dann lagen sich die beiden alten Leute in den Armen und weinten und lachten, und die Kinder jubelten mit ihnen. „Es war feierlicher als Weihnachten,“ sagte Brigittchen später.

„Unsere Kinder müssen es wissen,“ sagten die Alten.

„Wir gehen hin und sagen es,“ riefen die Kinder wie aus einem Munde, und ehe Pantoffelmachers noch etwas sagen konnten, stürmten sie schon alle fünf die Treppe hinab. Die Turmgasse entlang gings, an Frida Müller vorbei, und Brigittchen dachte gar nicht an ihren seltsamen Anzug.

Das Kontor des Herrn Schön lag am Markt, dorthin lenkten die Kinder ihre Schritte, denn dort war um diese Zeit Friedrich Lange zu finden. Es war ein hohes, altes Haus, in dem sich das Kontor befand. Durch einen breiten, gewölbten Hausflur ging es hindurch und schrill schlug die Klingel an, als die Kinder öffneten. Herr Schön stand gerade in dem ersten Arbeitszimmer und sprach mit dem Bürgermeister, der ihn besucht hatte und nun wieder gehen wollte. In diesem Augenblick stürmten atemlos, naß, schmutzig und zerzaust die fünf Kinder ohne weiteres herein, und alle fünf zusammen schrieen sie: „Wir haben das Geld gefunden, die Tasche, die —“

„Welches Geld, welche Tasche? Ja, was soll denn das heißen?“ rief Herr Schön verblüfft. Dann erkannte er sein Töchterchen und sagte ärgerlich: „Aber Kind, wie siehst du aus!“ Doch Brigittchen, die sonst bei jedem Tadel am liebsten weinte, war über ihren Fund so aufgeregt, daß sie laut jubelte: „Ich habe die Tasche gefunden, die richtige Tasche, Klaus Hippel sagte es, und das Geld wäre auch drin!“

„Brigittchen hat die Tasche gefunden!“ jauchzten die anderen Kinder, „Friedrich Langes Tasche!“

„Meine Tasche!“ schrie Friedrich Lange; er sprang von seinem Platze auf, wo er Pakete gepackt hatte, „ist’s wahr, ist’s wahr?“

„Ja,“ sagten die Kinder leise und sahen schüchtern auf den Mann, der sich an die Wand lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er faltete die zitternden Hände und schluchzte: „Mein Gott, ich danke dir, nun darf mich niemand mehr einen Dieb nennen!“