Herr Schön und der Bürgermeister sahen erschüttert auf Friedrich Lange; sie fühlten es jetzt beide, wie sehr der gelitten haben mochte. Die Kinder mußten nun von ihrem Fund erzählen, und sie taten das mit mehr Eifer und Geschrei, als gerade gut war, um aus der Geschichte klug zu werden. Manchmal schrieen sie alle fünf durcheinander, und Brigittchen war so bei der Sache, daß sie sich sogar platt auf die Erde warf, um die Sache recht anschaulich zu machen. Herr Schön sah ganz erstaunt auf sein Töchterchen, er kannte das daheim so stille Kind gar nicht wieder, nein, und was für einen seltsamen Anzug sie nur trug und wie schmutzig sie aussah! Aber Brigittchen merkte davon in ihrer Herzensfreude nichts, sie lief auch mit ihren Freunden mit, als die beiden Herren und Friedrich Lange eiligst zu dem Pantoffelmacher gingen, um zu sehen, ob es auch wirklich die rechte Tasche sei, die gefunden worden war.

Friedrich Lange konnte kaum sprechen, und die alten, steilen Turmtreppen sprang er nur so empor, und dann sah er schon bei seinem Eintritt auf dem Tisch die Tasche liegen, die ihm und den Seinen so viel Kummer bereitet hatte. Eine Nachbarin hatte inzwischen eiligst Frau Lange und die Kinder herbeigeholt, und die Familie stand andachtsvoll vor dem Tisch; ach, nun hatte ihr Kummer ein Ende!

„’s ist nicht zu sagen, nicht zu sagen, was für Dinge alles auf der Welt passieren,“ schrie Klaus Hippel und rannte aufgeregt in der Stube herum, „aber freilich, wo anders mag nicht so viel geschehen als gerade in Neustadt. Meine Güte, meine Güte, so eine Stadt, und solche Kinder, die Holz holen und Taschen finden! Paulinchen, koch’ Kaffee, mir wird es schwach!“ Und Paulinchen kochte Kaffee; Herr Schön aber versprach, er wolle zur Feier des Tages eine Flasche Wein schicken, worüber der Pantoffelmacher in neue Aufregung geriet.

Es war ein Leben in dem kleinen Turmstübchen, daß der alte Turm beinahe vor Staunen zu wackeln begann. Und dann redeten alle davon, wo wohl die Tasche gesteckt haben möchte. Sie hatte sicher wohl geborgen unter Moos und Laub am Waldrand gelegen und der heftige Gewitterregen hatte sie emporgespült.

„Nun haben wir doch einen Schatz gefunden,“ jubelte Brigittchen und tanzte mit Anne-Marte in der Stube herum, obgleich das bei der Enge, die herrschte, kaum möglich war. „Tralala, tralala, wir haben einen Schatz gefunden!“

Dann liefen die Mädels zu Frida Müller und tauschten ihre Kleider ein; sie erzählten die wunderbare Geschichte, und Frida Müller sagte, es wäre doch fein, daß Brigittchen gerade ihre, Fridas Sachen, dabei angehabt hätte. Nachher liefen alle fünf Schatzgräber zu den Eltern, zu Fröhlichs, und jedem, den sie dabei noch unterwegs trafen, erzählten sie von ihrem Fund. Die Bäckerbuben erzählten es sogar, trotz sonstiger Feindschaft, der Grünwarenhändlerin Lehmann, und diese fand die Sache so erstaunlich, daß sie jedem Buben eine Birne gab und sagte: „Erzählt es nochmal, recht langsam, und quatscht nicht so durcheinander, damit ich alles verstehe. Wir sind ja verwandt, Friedrich Lange und ich, seine Großmutter und meiner Schwiegermutter Tante waren Cousinen im dritten Grade. Nein, daß ihr dummen Bengels auch immer dabei sein müßt, wenn etwas los ist!“

Klaus Hippel guckte von diesem Tage an wieder mit so frohen Augen von seinem Turm ins Weite, wie ein König über sein Land. Mutter Paulinchens Fuß ward auch bald besser, und die Blumen am Turmfenster blühten so üppig, als wollten sie ein Lob- und Danklied singen. Das sagte Friedrich Lange; freilich, der hörte in diesen Tagen, die kamen und gingen, überall Lob- und Danklieder, in seinem Herzen selbst aber erklang das fröhlichste Danklied.

Eine Geschichte, die traurig anfängt und fröhlich endet.