„Da seh’n Sie mal, Herr Geselle,“ rief die Grünwarenfrau Lehmann jetzt giftig, „wie arg die Jungens sind, haben alle Mädels mit rußigen Ruten abgekehrt, da das Brigittchen Schön ist ganz schwarz geworden!“ Heine machte ein halb verdutztes, halb verlegenes Gesicht, ihm ging nämlich, wie man sagt, ein Seifensieder auf.
Er hatte in der Nacht mit Tannenreisern, die er im Hausflur gefunden hatte, fix mal ein Zugloch von Ruß gesäubert und die Aschermittwochsruten so recht eingeschwärzt. Er fragte, woher die Zweige stammten und die Geschichte klärte sich bald auf, die Buben waren wirklich unschuldig. Trotzdem Frau Lehmann wohl zehnmal rief: „Ich glaub’s nicht, die sind unnütz!“
Hei, wie reckten sich die drei im Gefühl ihrer Unschuld, ordentlich stolz sahen sie aus, die Mädels standen ganz betreten da, sie wußten nicht, ob sie lachen oder weinen, böse oder gut sein sollten.
„Der Ruß geht ab,“ tröstete Heine, „wenn ihr im Backofen gesessen hättet, dann möchtet ihr erst schwarz sein, potz Wetter, ja!“
„Machen Sie keine dummen Witze, Heine,“ sagte die Meisterin ärgerlich, „für die Mädels ist die Sache schlimm und meine Buben sollen mit zu den Eltern gehen, wo es nötig ist, und die Geschichte erzählen, damit die Mädels keine Schelte bekommen. Denn dumm war es doch von den Buben, sie brauchten auch nicht so wild darauf loszukehren!“
Diese Worte dämpften den Stolz der Buben ein wenig, und ordentlich gekränkt waren sie erst, als alle Mädels erklärten, sie brauchten keine Begleiter, sie würden daheim schon die Geschichte erzählen. Und heidi! liefen alle davon, die gekehrten und die nicht gekehrten.
Am Nachmittag aber war schon alles wieder vergessen, es war eben ein kleiner Aschermittwochsärger gewesen, weiter nichts, und keine Freundschaft ging darum auseinander.
Für den armen Klaus Hippel aber kam ein rechter Aschermittwochsärger noch nachgehinkt und für manchen anderen Neustädter auch.
Vierzehn Tage nach der Fastnachtsfeier saß der Herr Bürgermeister eines Morgens in seinem Arbeitszimmer und las Zeitungen. Auf einmal schlug er wütend mit der Faust auf den Tisch, na, das ging ihm doch über den Spaß. In einer Zeitung, die in einer großen Stadt erschien, las er nämlich eine Beschreibung von Neustadt, man hatte sie ihm zugeschickt und sie noch mit einem dicken, roten Strich angezeigt.
Wenn einer nun seine Heimat liebt und weiß, wie schön und traut sie ist, und dann kommt jemand und schildert diese Heimat als häßlich und eng und hat nichts für sie als Hohn und Spott, da soll man sich nicht ärgern. Dem Herrn Bürgermeister ging es so, er liebte Neustadt wie keinen Fleck auf der weiten Erde; er wußte wohl, daß manches darin fehlte, was große Städte besitzen, aber lieblich und behaglich war das Städtchen doch. Nun stand da in der Zeitung, Neustadt sei das langweiligste, unschönste, schmutzigste Nest der Welt. Da sollte man sich nicht ärgern!