Hüllt die Erd’ in Schnee und Eis,
Alles Leben decket zu!“
Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die schimmernde Gestalt der Schneekönigin. „Ei, Mutter,“ rief er, „sieh doch dort die wunderschöne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir, ich will zu ihr, sie hat gewiß ein schönes Schloß!“
Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch verzweifelt hielt die ihn fest und rasch riß sie sich ihr Tuch vom Kopf und verhüllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weißen Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: „Mutter, Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte, laß mich doch los!“
Da, in dieser höchsten Not, kamen der armen Witwe die Tränen, die seit Wochen versiegt waren. Ein paar heiße, schwere Tropfen rannen aus ihren Augen, sie fielen gerade auf die Hände der Schneekönigin, die eben nach dem Knaben greifen wollte.
Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneekönigin zurück. Menschentränen brannten sie wie Feuer und jäh verstummte auch der Gesang ihrer weißen Dienerinnen.
Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewiß wohnte dort der berühmte Arzt.
Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter fiel der Schnee, und so viele Mühe sich der Mond auch gab, sein Licht erhellte immer schwächer die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weiße Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwärts, schon sank sie bis über die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jämmerlich an, vor Schmerzen zu weinen.
Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar Tränen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besaß. Die fielen auf den Schnee nieder und plötzlich schmolz dieser darunter, wie unter dem Kuß der Frühlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten, und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glücklich den Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmächtig zusammen. —
Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen Stübchen. In einer Ecke prasselte und glühte ein kleines Öfchen, und ein Kater lag davor und schnurrte, als müßte er Leinwand zu zwölf Hemden spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blühten auch hier bunte Blumen trotz der Winterkälte, und allerlei bunte, fremdländische Vögel hüpften und piepsten im Zimmer herum.