„Na, dann suche dir mal einen aus,“ sagte seine Tante, „einen Groschen schenke ich dir dazu!“

Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch höchst vergnügt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man für einen Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn Friedlein: „Das wäre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel Zeit zu ihren Einkäufen brauchten, nicht wahr?“

Herr Friedlein nickte und dann gähnte er, er hätte nämlich gern wie jeden Tag sein Mittagschläfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, „so was tun nur Leute in den langweiligen Großstädten,“ sagte Herr Friedlein immer. Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: „Ich möchte eine Flöte!“

„Was?“ sagte der Kaufmann verdutzt. „Junge, du bist wohl nicht klug, eine Flöte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann’s nicht eine Mundharmonika sein?“

„Nein,“ stotterte Severin, „’s muß eine Flöte sein. Karl hat auch eine!“

Herr Friedlein überlegte. Er ließ nie gern jemand aus seinem Laden fortgehen, ohne daß er etwas gekauft hatte, und plötzlich fiel ihm ein was er Severin als Flöte geben könnte. Er holte ein schwarzes Ding herbei, „das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flöte,“ erzählte er, „es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben würde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.“

Wenn gerade eine Klappe dagewesen wäre, dann wäre der Bube gewiß in die Erde gerutscht vor Entsetzen über den unglaublichen Preis. Er blieb ganz verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als wäre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr Friedlein brummte ärgerlich und verständnisvoll. „Schneid’ nicht so ’n Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?“

Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes, abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei Stahlfedern, fünf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein Stück Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein sah seine Okarina an, ein Stückchen war schon davon abgeschlagen und einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. „Na, meinetwegen,“ sagte er gnädig, „da nimm sie für das Geld, du kannst aber froh sein über den Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!“

Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Königreich hätte er sich dafür kaufen können, so meinte er. Freilich eine — eine, ja wie hieß das Ding doch gleich — hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument hieß, mußte er wissen, für dreiundachtzig Pfennige konnte er dies verlangen. Er raste zurück, riß die Ladentüre auf, daß die Klingel förmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bißchen eingeschlafen gewesen; er stürzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel kaufen wollte.

„Wie heißt die Pfeife?“ schrie ihm Severin entgegen.