„Okarina, du unnützer Bengel,“ rief Herr Friedlein zornig, „was fällt dir ein, so zu klingeln!“ Aber Severin war schon wieder draußen, er lief über den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin: „Onetrina, Onetrina!“ Na, das war mal ein putziger Name.

„Du vergißt wohl ganz das Grüßen, mein Sohn?“ fragte da auf einmal jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er riß die Mütze vom Kopfe und stammelte: „Onetrina, Onetrina!“ Der Herr Direktor Weidlich ging kopfschüttelnd weiter und murmelte: „Der Knabe ist wohl etwas dumm, mir scheint, er hätte Ostern sitzen bleiben sollen! Ich muß etwas auf ihn achten!“ —

An diesem Nachmittag ließ Klaus Hippel plötzlich den Pantoffel, an dem er gerade nähte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er zu seiner Frau Paulinchen: „Nun höre doch nur, da schreit der Kauz gar wohl am hellen Tage!“

„Das bedeutet gewiß ein Unglück,“ jammerte die Pantoffelmacherin. „Ih wo, das bedeutet gar nichts,“ sagte ihr Mann vergnügt, „wenn ich nur wüßte, wo der Kauz sitzt?“

Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von allerlei Gebüsch, draußen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu — pfpfpf ging das, es klang so jämmerlich, daß Klaus Hippel verwundert sagte: „Na, nun weiß ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehört!“

Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum Überfluß, wie er fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin das große Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare Instrument gebührend. „Laß mich auch drauf blasen,“ bat er, doch davon wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl. Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber niemand im Hause die wunderbaren Töne zu hören bekam, kroch Wendelin unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Töne darunter hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: „Weißt du, ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!“

Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergnügen, hopste im Bett herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brüder sehr vergnügt ein. —

Am nächsten Tag gab es viel Unruhe im Bäckerhaus. Frau Gutgesell hatte Kaffeegäste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stäubchen darin lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe verboten, überhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: „Na, was werdet ihr heute noch anrichten!“ Zuletzt verschwanden aber die Buben, und als die Gäste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pünktlich um vier Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saßen alle vergnügt in der Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzählten sich dies und das.

Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher Lärm entstand draußen?

Da stürzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das Zimmer: „Feuer, Feuer!“