„Quatsch!“ sagte Friede ärgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch ließ er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte geschwind sein Beerentöpfchen auf den Boden und rüstete sich zu einer regelrechten Balgerei. Es wäre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede, Annchen Amsee und Jakobs Schwester Röse herbeigekommen wären. Unter großem Geschrei erzählten sie, daß sie soeben drei Rehe im Walde gesehen hätten. Darüber vergaß Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher aber kam sie wieder, und er erzählte aufgebracht die Geschichte von dem Hühnergrab.

„Ein Hühnergrab ist das?“ riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen Amsee fragte ganz hausfraulich weise: „Was sind's denn für Hühner, die hier liegen, gewöhnliche oder etwa Perlhühner?“ Auf diese Frage wußte Jakob keine Antwort zu geben, es tröstete ihn aber sehr, daß die andern seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmählich.

Friede, der den Kameraden nicht hatte kränken wollen, sagte nun auch einlenkend: „Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum sind nur hier gerade Hühner begraben?“

Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt ihren Heimweg an, und die vierfüßigen und gefiederten Waldbewohner verkrochen sich ängstlich in ihren Höhlen, Moosbettlein und Nestern ob dieses Geschreies.

Am nächsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde, etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nämlich den Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, daß die Frage vernünftig sei und sich darüber allerlei sagen ließ, so schloß er die Schule ein wenig früher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten darin manchmal mehr als vorher aus den Büchern.

An diesem Morgen hatten neun Buben und Mädel gefragt, ob der Steinhaufen im Walde wirklich ein Hühnergrab wäre. Da erzählte ihnen denn in der Plauderstunde der Lehrer, daß es Hünengrab heiße und nicht Hühnergrab, und daß es solche uralte Gräber noch in manchen Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dänemark, England, selbst in Palästina finde man solche riesenhafte Grabdenkmäler. Viele habe man geöffnet und darin alte Urnen, Steinhämmer, auch wohl Schwerter, Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden.

„Aber unseres ist doch gar nicht so groß,“ rief Schulzens Jakob erstaunt dazwischen.

„Nein,“ erwiderte der Lehrer, „das ist es auch nicht, und darum ist man auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hünengrab ist. Vielleicht ist es nur ein großer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde. Es mögen auch die Überreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage nach soll dort früher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres läßt sich darüber allerdings nicht ermitteln.“

Die Kinder lauschten gespannt den Erklärungen; jetzt fanden sie es sehr dumm, daß sie zuerst gedacht hatten, Hühner lägen unter den großen Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen Nachbarn zu: „Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hühner liegen da!“

„Na, du hast es doch zuerst gesagt,“ rief Heine Peterle halblaut. Ein Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer ließ die Kinder gewähren; er lächelte über ihren Eifer und sah dabei Traumfriede an, der still und versonnen dasaß. Der Bube fühlte den Blick des Lehrers, er hob seine schönen Augen zu ihm auf und fragte leise, traurig: „Wird nun der Steinberg abgetragen werden?“