Der Lehrer nickte. „Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er wird wohl etwas zerstört werden.“ Der Bube wurde rot. Daß der Lehrer gesagt hatte, ‚unsern Lieblingsplatz‘, das gab ihm eine heimliche Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und während die andern Kinder nach Schluß der Schule laut und lustig auf die Dorfstraße eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mädel redeten daheim gewaltig klug von dem Hünengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht könnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. „Oder eine Krone und ein goldenes Schwert,“ rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur noch von den goldenen Schätzen des Hünengrabes.
Ganz ärgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darüber, daß auf der schönen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte. „Wirklich,“ brummte sie, „die Stadtleute müssen ihre Nase auch in alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hübschen Platz.“ Sie ließ ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer weiß, wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben würde, mochte er ihn also noch genießen, soviel er konnte. So saß denn Traumfriede am Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhügel dicht neben dem Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen und Käfer, bunte Schmetterlinge flogen über die blühende Waldwiese, und dicht neben ihm saßen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre Flügel glänzten und flimmerten märchenhaft im Sonnenlicht. Während der Knabe so still in der warmen Sommerschönheit saß, war es ihm, als löste sich plötzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte Männer traten aus dunklen Höhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Häuptern, ihnen folgten schöne Jungfrauen in schimmernden Gewändern, und plötzlich verschwand der Wald, ein hohes Schloß mit Türmen und Zinnen wuchs empor, auf der Brücke stand ein Torwächter und blies in sein Horn.
„Mähmäh mäh,“ meckerte es plötzlich neben Traumfriede, und verdutzt schaute sich der Bube um. Alle Märchenherrlichkeit war verschwunden, er saß wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike, Muhme Lenelies' höchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede nachgelaufen und schien sehr ungnädig, daß sie so wenig beachtet wurde. Der Bube schämte sich ein bißchen, ihm war es immer, als könnte Friederike in seinem Herzen lesen, und gewiß lachte sie heimlich über all die Geschichten, die er immer zusammenträumte. Aber Friederike lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blättchen und geruhte sie zu fressen. „Komm heim, Friederike,“ rief Friede, „du darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt er uns auf.“
Leberecht Sperling, der gefürchtete Waldhüter, der jedes Kind, das er im Walde traf, mißtrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der Wald mit aller Märchenherrlichkeit hinter den beiden.
Es vergingen viele, viele Tage, und die Herren aus der Stadt, die das Hünengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaßen die Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der saß, so oft er konnte, auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstörer würden kommen, legte sich nach und nach.
Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“ einen Wagen stehen. Natürlich liefen sie nun nicht heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: „Es sind die da, die zu dem Hünengrab wollen.“
„Wir gehen auch hin,“ sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar andere antworteten: „Na ob! Natürlich!“
Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saßen und auf das bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der Wirt auf einmal sagte: „'s ist schade, daß Mittwoch ist!“ – „Warum denn?“ fragte der älteste der drei Herren erstaunt, es war ein stattlicher Mann, mit weißgrauem Vollbart und klugen Augen, „das Wetter ist doch so gut?“