Dem Nachtwächter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, daß er den Kindern doch eigentlich unrecht getan hatte; er ärgerte sich darüber und war darum noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht, als sollten alle Nachtwächter der Welt auf eine wüste, einsame Insel verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf, erschrak vor dessen bitterböser Miene.

Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zählten ihre Eier zusammen, pflückten Obst und Gemüse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche in aller Morgenfrühe in die nächste Stadt, um dort auf dem Markt ihre Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern gaben ihnen ihre Waren mit. Die Bäuerinnen wechselten meist mit dem Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit.

Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer viel früher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schönsten Morgenschlummer gestört, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte aber auch dabei sein, wenn die Bäuerinnen abfuhren, er hielt das für seine Pflicht. Die Bäuerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr schön und warm, ja man konnte schon sagen heiß. Hans Rumps, der sich sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die gerade vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“ stand. Hier pflegten sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren. Der Nachtwächter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon munter.

Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in manches Mädchenstübchen und Bubenkämmerlein lugte der Mond hinein, sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: „Wenn sie so friedlich schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was für wilde, unnütze Buben und Mädel es eigentlich sind.“ An diesem Sommerabend nun machte der Mond so ein verwundertes Gesicht, daß ein berühmter Professor, der das liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt ausrief: „Alle Wetter, ja, was fällt denn dem Mond ein? Bei dem scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.“

An des Mondes verändertem Aussehen war aber niemand weiter schuld als Heine Peterle, Schulzens Jakob, der dicke und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz. Die fünf Buben kamen barfuß und nur mit Hemd und Höschen bekleidet sacht aus den Häusern heraus. Vor Anton Friedlichs Vaterhaus blieben sie ein Weilchen stehen und warteten, aber drinnen rührte und regte sich nichts, nur der Hofhund begann zu bellen, und da wurde es den Buben unheimlich, und sie zogen ab. Drinnen im Hause aber saß Anton auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht hinabzugehen, weil die Treppe so knarrte, daß er meinte, alle im Hause müßten davon aufwachen. Ach, und er wäre so gern dabeigewesen bei dem dummen Streich, den seine Kameraden jetzt leise im Mondschein unter heimlichem Wispern und Kichern ausführten.

Die Geschichte kam allen fünf Buben unendlich komisch vor. Heine Peterle steckte einmal beide Hände in den Mund, um nicht herauszuplatzen, und der dicke Friede führte die wunderlichsten Sprünge aus vor Vergnügen, Schnipfelbauers Fritz gar legte sich platt auf die Erde, versteckte sein Gesicht im Gras und strampelte mit den Beinen, so mußte er lachen. Hans Rumps aber schlief tief und fest, schlief einen rechten, guten Nachtwächterschlaf und merkte gar nichts von allem dem, was um ihn herum vorging. Er träumte sogar allerlei höchst angenehme Dinge, von einem riesengroßen Kalbsbraten und einer Leberwurst, und im Traume hörte er jemand sagen: „Hans Rumps soll nächstens Nachtwächter in Berlin werden, der Kaiser hat es gewünscht!“ Aber dann wollte ihm jemand die Leberwurst wegnehmen, und irgend etwas kitzelte ihn an der Nase, heizih! nieste er und schlief dann weiter.

„Er hat nichts gemerkt,“ wisperte und tuschelte das neben ihm, und dann krachte es oben in den Zweigen der Linde, huschte hierhin und dahin, und der Mond wurde immer runder vor Erstaunen. Was war nur heute in Oberheudorf los?

Sehr früh am Morgen, die Sonne träumte noch hinter lichtroten Wolkenschleiern, wurde es auf dem Dorfplatz lebendig. Die Bäuerinnen kamen, um die Wagen zur Marktfahrt zu rüsten. Die Schulzin war zuerst zur Stelle, gleich nach ihr kam die Schnipfelbäuerin, die ein braunes Pferdchen am Zügel führte. „Schnipfelbäuerin, kommt nur und seht,“ rief die Schulzenfrau, und der Waldbäuerin, die hinterdrein kam, rief sie es auch zu. Und nun kamen die andern Frauen auch, eine nach der andern, und alle stellten sich um die Bank herum, auf der Hans Rumps noch immer im tiefen Schlaf lag, und lachten, lachten so laut und herzhaft, daß der Nachtwächter erschrocken aufsprang. „Es brennt,“ rief er, „es brennt!“ Er griff nach seinem Horn und wollte blasen. „Potztausend,“ schrie er verdutzt, „was ist denn das?“ Statt des Hornes hielt er einen alten hölzernen Hampelmann im Arm.