„Was ist denn das?“ riefen nun auch alle Buben und Mädel, die nach Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele aufgerissene Augen und offene Münder in Oberheudorf.
Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstraße stand. Ein großer grüner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren, richtige Städter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er hätte nichts dagegen.
„Wie in Niederheudorf zum Vogelschießen sieht es aus,“ sagte Heine Peterle bewundernd.
Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschießens, was waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler waren gekommen, es sollte in dem großen Saal des Wirtshauses „Zur himmelblauen Ente“ Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen hätte er noch nie gehört, überhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse für die Kunst zu haben.
Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten das Wirtshaus an, als hätten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Türe hinaussteckte, gleich gab es ein fürchterliches Geschrei, die Buben und Mädel stießen und drängten, als wollten sie die „himmelblaue Ente“ umreißen.
Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen, denn die Heuernte sollte erst in der nächsten Woche beginnen. Die Kinder aber fanden es über alle Maßen wundervoll, denn der Herr Theaterdirektor hatte gesagt, das Stück, das gespielt würde, sei für Erwachsene und für Kinder. Da wurden Sparbüchsen geleert, und mancher Bube oder manches Mädel, das in der nächsten Zeit Geburtstag hatte, wünschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk. Gab das einen Lärm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die Neuigkeit die ganze Dorfstraße entlang. Von allen Buben aber war keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden vergaßen zuerst gänzlich, daß sie Schularbeiten zu machen hatten, ja sie vergaßen fast Essen und Trinken darüber, sie standen und bohrten beinahe Löcher in den grünen Wagen mit ihren Blicken.
Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus der Schule kamen und natürlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als wäre er ein Schulrat und wollte prüfen, was sie gelernt hätten. Einigen war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben stehen, darunter natürlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als hätte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wünsche erraten, so war es, er lächelte plötzlich und fragte sehr freundlich: „Wollt ihr beide mitspielen, ja?“
Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war, brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: „Ja!“ Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte zurück. Dann aber lächelte er doch wieder und sagte: „Na, dann kommt nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt.“