An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mädel von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen ließ, und die rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen vor der „himmelblauen Ente“ auf und ab, liefen hinein und kamen heraus, dann stürzten gleich ein paar Buben und Mädel auf sie zu und schrieen: „Erzählt uns doch was! Seid ihr ein König? Was zieht ihr denn an? Müßt ihr ein Gedicht sagen?“
Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wären sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lächelten nur gnädig, als wäre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht möglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch ihre Eltern überzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen, besonders den Müttern war es nicht recht. „Es ist und bleibt ein Unsinn,“ sagte Heine Peterles Mutter. „Wer weiß, was dabei für eine Dummheit herauskommt.“
Aber Muhme Rese meinte: „Unser Heine Peterle wird seine Sache schon machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel vorstellt.“
„Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung,“ sagte Heinrich lachend.
Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie hätten alle beide himmelgern etwas erzählt, wenn sie nur gewußt hätten, was. Sie hatten bloß dreimal über die Bühne gehen müssen, dann hatte der Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und hinzugefügt: „Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter, das ist die Hauptsache.“ Der dicke Friede sagte: „Es kommt noch.“ Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle tröstete sich auch mit dem Wort: „Es kommt noch.“ Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mußte doch geschehen. Der dicke Friede übte sich in dieser Erwartung schon allerlei Kasperlessprünge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen.
Am Sonnabend abend erzählte der Wirt, der Direktor und alle Schauspieler allen, die es hören wollten, und manche hörten dreimal zu, daß Grafens auch zur Vorstellung kommen würden. Der Herr Graf Dachhausen auf Schloß Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt lag, hatte dem Direktor für sich, seine Familie und seine Gäste gleich acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf die Vorstellung.
Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte stolz: „Es wird rappelvoll werden.“
Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Plätze für Grafens waren frei, und immer, wenn die Tür aufging, dachten alle: „Jetzt kommen sie!“ Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen Gäste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem Stuhl, zog ihn weg und ließ den auch eine Verbeugung machen. Dabei hätte sich die Frau Gräfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten Augenblick aber griff die Schnipfelbäuerin, die auf der zweiten Reihe saß, zu, und so setzte sich die Gräfin auf deren Schoß statt auf den Stuhl.
Die Gäste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt auch, obgleich er gar nicht recht wußte, warum. Er war heilfroh, als Grafens saßen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: „Nun kann es losgehen!“
Es war eine kleine Bühne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schloß den Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf den roten Vorhang. Als der einmal ein bißchen wackelte, riefen ein paar Buben aus dem Hintergrund des Saales: „Nun geht es los!“