Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau recht. Nachdenklich sagte er: „Es gäbe freilich ein sehr, sehr dickes Buch. Eigentlich könnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert.“
„Es passiert wirklich erstaunlich viel,“ rief Muhme Lenelies stolz. „Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf. Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wäre, dann wüßte ich, was ich täte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das Buch gedruckt worden ist, es möchte geschwind jemand herkommen und noch alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen.“
„Muhme Lenelies hat recht,“ sagte die Lehrersfrau und goß der Alten schnell die dritte Tasse Kaffee ein. „Tu es doch, lieber Mann! Gefällt den kleinen Leuten draußen in der weiten Welt ein Buch von Oberheudorf, so gefällt ihnen wohl auch ein zweites.“
Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein Tintenfaß und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. „Er wird schon etwas nützen,“ sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nächsten Morgen zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen.
Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur Haustür heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche zu hören. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie die Muhme: „Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mädeln kann man wirklich noch mehr Geschichten erzählen.