Muhme Lenelies mußte sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte ihr geschwind eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Wecken, und als die Alte nun so recht vergnügt und behaglich dasaß, nahm der Herr Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor.
Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hände zusammen und rief: „Ih nä, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert, nu ganz gewiß! Daß mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den Suppentopf gefallen ist, das muß ich doch wissen!“
„Freilich, freilich,“ lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das hübsch eingebundene Buch. „Da lesen Sie nur einmal!“ Ein bißchen mühsam und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: „Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten.“
„Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und Mädeln stehen in dem Buch,“ rief die Lehrersfrau. „Von Heine Peterle, wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Röse und Mariandel, selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unnützen Strick, wird darin geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Häusel und mein Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat.“
„Jemine, jemine,“ rief die Muhme, „so etwas ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist über Oberheudorf geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt.“ Plötzlich aber machte Muhme Lenelies ein ganz ängstliches Gesicht und fragte zaghaft: „Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Häusel auch sauber darin vor? 's wäre mir doch zu schrecklich, wenn jemand sagen möchte, ich hätte nicht reine gemacht.“
„Na, wer sollte das wohl sagen?“ meinte die Lehrersfrau. „Bei Ihnen sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im Buche.“
„Du meine Güte!“ schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank, – plumps, lag die Tasse unten, und es gab eine kleine braune Überschwemmung, worüber die gute Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen, und die Lehrersleute mußten sie richtig trösten. Dann aber wollte Muhme Lenelies wissen, was für Geschichten noch im Buch stünden, und der Herr Lehrer erzählte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kämen so nach und nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die Frau Lehrerin: „Von dem Hünengrab steht doch nichts drin, und was die Mädel dabei für eine Dummheit gemacht haben!“
„Nein,“ erwiderte ihr Mann, „die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen überhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens Jakob Gespenster gesehen haben.“
„Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern Kindern zu Fastnacht ergangen ist,“ rief die Muhme, „und von dem Nachtwächter ist auch nichts erzählt worden.“
„Ein paar von Muhme Lenelies' Märchen könnten auch noch drin stehen,“ meinte die Frau Lehrerin, „die gefallen mir gerade so gut.“