„Es fängt an, wie es anfängt, und wenn es eine Waschfrau ist, die zuerst kommt, dann ist es eben eine Waschfrau,“ erwiderte Muhme Lenelies freundlich. „Ihr braucht aber nicht zuzuhören. Wer gehen will, kann gehen, wer zuhören will, muß den Schnabel halten. Also wer will gehen?“

Niemand wollte das. Die Kinder fanden es wieder einmal ungeheuer gemütlich bei Muhme Lenelies. Draußen floß der Regen in wahren Gießbächen vom Himmel herunter, der Herbststurm zerrte noch die letzten rotgelben Blätter von den Bäumen und brauste dazu: „Gib her, gib her! Mußt alles geben, mußt alles geben!“ An solchen Tagen besannen sich immer etliche Oberheudorfer Buben und Mädel darauf, daß es doch eigentlich wundervoll bei Muhme Lenelies sei, und daß sie mit der alten Frau doch sehr befreundet wären. Im Sommer, wenn die langen Tage schier zu kurz für alle lustigen Freispiele waren, kehrten bei Muhme Lenelies meist nur die Kinder ein, die sich zufällig mal irgend etwas zerrissen hatten; die gute Muhme heilte geschwind die Schäden und nahm es nicht weiter übel, wenn Buben oder Mädel das Wiederkommen nachher ein Weilchen vergaßen. Sie kannte ihre Freunde schon, sie wußte, daß Sturm und Regen und dunkle Wintertage sie ihr wieder zuführten. Muhme Lenelies konnte so viele Märchen erzählen, daß selbst der Herr Lehrer ihr manchmal zuhörte und dann sagte, Muhme Lenelies sei eigentlich eine Dichterin.

Von allen Kindern aber hörte der alten Frau niemand lieber zu als ihr Pflegesohn Traumfriede. Der lauschte auch an sonnenhellen Sommertagen gern allein, was seine gute Pflegemutter ihm erzählte. Er war es auch, der an diesem Nachmittag, an dem Muhme Lenelies die Geschichte von der Waschfrau begann, nochmals ärgerlich rief: „Ja, geht doch, wenn ihr nicht zuhören wollt!“

Es ging aber auch jetzt niemand, alle saßen mäuschenstill, und so begann Muhme Lenelies wieder: „Es war einmal eine Waschfrau. Sie war arm, wie es Waschfrauen oft sind, aber sie war zufrieden und froh, was selbst Königinnen nicht immer sind. Freilich mußte sie von früh bis abends arbeiten, denn sie hatte vier Kinder zu ernähren, ein Mädel und drei Buben. Liebelinde, die Tochter, schaffte fleißig in der Wirtschaft, versorgte die drei kleinen Brüder und half der Mutter, soviel sie konnte. Es war eine fleißige, fröhliche kleine Familie, die da am äußersten Stadtende wohnte. Die drei Buben waren, wie kleine Buben eben sind, oft recht wild und übermütig, und der Tag, an dem einer nicht mit einem Riß im Höslein oder in der Jacke heimkam, war noch nicht dagewesen.“

„Seht ihr, wie ihr seid,“ sagte Schulzens Röse ein bißchen wichtig und guckte die Buben ordentlich strafend an.

Die taten, als hätten sie das gar nicht gehört. Nur Heine Peterle brummte: „Mädel müssen immer dreinreden!“

Muhme Lenelies achtete nicht auf die Zwischenreden, sondern fuhr fort: „Liebelinde stopfte immer alle Risse bereitwillig zu, und weil sie nicht wollte, daß ihre Brüder unordentlich aussehen sollten, gab sie sich immer besondere Mühe, und manchmal sagte die Mutter: ‚Ei, wenn nur alle Mädel so gut flicken könnten wie du!‘

Über Land und Stadt herrschte ein mächtiger König. Der hatte drei Söhne, die alle drei gut und brav waren und ihren Eltern viel Freude bereiteten. Bei der Geburt der Söhne war, wie das früher manchmal vorkam, schnurstracks eine böse Fee gekommen und hatte die armen Prinzlein verwünscht. Aber so geschwind wie hinter einem rechten Gewitter manchmal der Sonnenschein kommt, war gleich eine gute Fee erschienen, die hatte der Königin für jeden Sohn zwölf wunderfeine Hemden aus goldgelber Seide geschenkt, die sollten die Prinzlein immer tragen: so lange würden sie gesund und glücklich sein, und alle Zaubersprüche der bösen Fee könnten ihnen nichts anhaben. Die Königin tat wie die Fee ihr geraten hatte, und seitdem trugen die Prinzlein immer die Hemden von goldgelber Seide.“

„Das ist fein, das möchte ich auch,“ zwitscherte Annchen Amsee dazwischen.

„Wenn du mal eine Prinzessin bist, kannst du es ja tun,“ spottete Anton Friedlich.