„Seid doch still, sonst erzähle ich nicht weiter,“ rief Muhme Lenelies. Da waren alle gleich wieder ganz still, und Annchen Amsee hielt sich den Mund zu, damit nur ja kein vorwitziges Wörtlein entschlüpfte. Die Muhme aber erzählte: „Weil nun die Königin wußte, daß Glück und Gesundheit ihrer Kinder von den Hemden abhingen und Hemden, selbst wenn sie von Seide sind und von einer Fee stammen, doch manchmal reißen, gab sie selbst jedesmal der Wäscherin die Hemdlein und nahm sie ihr auch wieder ab und sah sie sorgfältig durch, ob auch kein Riß darin wäre. Du lieber Himmel, zwölf Hemden, wenn sie ein ganzes Leben halten sollen, sind wirklich nicht viel, zumal für einen Prinzen.“
„Das ist wahr,“ sagte Waldbauers Mariandel bedächtig, „meine Mutter hat –.“ Heine Peterle legte ihr geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund, so kräftig, daß Mariandel beinahe mitsamt ihrem Schemelchen umgefallen wäre.
„Nein, zwölf Hemden sind wirklich nicht viel für das ganze Leben,“ fuhr Muhme Lenelies fort, „da hieß es eben achtsam sein, und als die drei Prinzen Karlemann, Hannemann und Friedemann noch drei kleine Männlein waren, da sagten sie mitunter ganz kläglich: ‚Ach, wir möchten lieber ohne Hemden gehen. Es ist so langweilig, daß wir uns immer in acht nehmen müssen.‘ Einmal zog auch Prinz Karlemann sein Hemdlein heimlich aus, flugs bekam er einen Schnupfen, und die Frau Königin sagte: ‚Siehst du, wie recht die gute Fee hatte? Nun bist du ohne dein goldgelbseidenes Hemd gleich krank geworden.‘
Auch Prinz Hannemann zog einmal heimlich sein Hemdlein aus, und an diesem Tage schüttete er einer fremden Fürstin, die zu Besuch da war, Himbeersauce auf ihr himmelblaues Atlaskleid. Er bekam dafür zur Strafe einen Katzenkopf und keinen Nachtisch, und alles kam nur davon, daß er das goldgelbseidene Hemdlein nicht trug.
Als die Prinzen erwachsen und mutige, kühne Jünglinge geworden waren, zogen sie nacheinander in die Welt hinaus; sie sollten einmal sehen, wie es wo anders ist, und sollten sich dabei gleich eine schöne Prinzessin zur Gemahlin aussuchen. ‚Sie muß aber sehr gut stopfen können,‘ sagte allemal die Frau Königin, ‚denn wißt ihr, mit euren Hemden ist das so eine Sache, wer weiß, ob sie halten!‘
Prinz Karlemann kam heim und brachte eine wunderschöne Frau mit. Es war die reiche Prinzessin Gerlinde, die konnte singen, Klavier spielen, reiten und tanzen, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Als die alte Königin es einmal von ihr verlangte, da lachte sie und rief: ‚Aber Frau Mutter, eine Prinzessin braucht doch nicht zu stopfen.‘
Die Königin seufzte und dachte, vielleicht bringt mein Sohn Hannemann eine Frau heim, die stopfen kann. Prinz Hannemann brachte die wunderschöne Prinzessin Theolinde als Gemahlin mit. Die konnte malen, Schlittschuh laufen und noch besser tanzen als Gerlinde, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Sie wollte sich halbtot lachen, als es die Königin von ihr verlangte. Die seufzte sehr und dachte sorgenvoll: ‚Vielleicht bringt mein Sohn Friedemann die rechte Frau mit.‘
Aber Prinz Friedemann kam eines Tages lustig und guter Dinge heim. Er brachte einen Papagei, einen Affen, ein Nashorn, ein Kamel, ein Känguruh, prächtige Kleider für seine Mutter und noch viele andere schöne Dinge mit, eine Frau aber hatte er vergessen. Er war sehr betrübt, als ihn seine Eltern ausschalten, und sagte: ‚Oh, Frau Mutter, ich mußte nur immer und immer an Euch denken, und darüber hat mir keine andere Frau gefallen.‘ Die Königin strich ihrem Sohn über das dunkle Lockenhaar und sagte gütig: ‚Ja, mein Prinzlein, das ist nun nicht anders, eine Frau mußt du haben, und eine muß es sein, die stopfen kann, eher werde ich nicht ruhig sein. Vielleicht ist es ganz gut, daß du keine Prinzessin genommen hast, die sind heute gar zu verwöhnt; wir wollen es einmal mit einer Grafentochter versuchen.‘
Dem Prinzen war das sehr recht. Er dachte, wie es meine Mutter macht, wird es schon richtig sein. Er sorgte sich nun nicht weiter um die Sache, die Königin aber gab mit ihren beiden Schwiegertöchtern zusammen einen großen Kaffee und lud sämtliche Grafentöchter des Landes dazu ein. Während sie nun alle saßen und Kaffee tranken und Kuchen aßen, mußten sie erzählen, was sie alles konnten. Oh, sie konnten sehr viel, ungeheuer viel sogar. Sie konnten malen, singen, Laute spielen, reiten, jagen, schwimmen, tanzen, turnen, sie konnten gelehrte und ungelehrte Bücher lesen und schreiben, konnten alle Sprachen der Welt, eine konnte sämtliche Länder, Städte, Flüsse und Gebirge der Erde wie das Abc hersagen, schnurr ging das wie ein Spinnrad; eine wußte, wieviel Edelsteine jeder König der Welt in seiner Krone hatte; eine andere sagte immer ein Gedicht nach dem andern auf und erzählte, sie könnte tausend Tage ununterbrochen Gedichte sagen und wüßte immer noch neue. Bei dieser sagte Prinz Friedemann gleich: ‚Die will ich nicht, nein, die will ich bestimmt nicht.‘ Eine andere wieder verstand alle Vogelstimmen nachzuahmen und sagte, jetzt wäre sie dabei, die Säugetiere zu studieren, wie ein Esel könnte sie schon schreien. Wirklich, die Grafentöchter waren sehr gebildet. Als die Königin aber fragte, ob sie auch stopfen könnten, da fingen sie alle an zu lachen, verneigten sich sehr ehrerbietig und sagten: ‚Euer Majestät machen sehr gute Witze! Stopfen, eine Grafentochter stopfen! Hihihi, hahaha, das ist zu drollig!‘
Die Königin wurde sehr böse, schalt die Grafentöchter, und die gingen sehr gekränkt und betrübt heim. Den Prinzen hätte nun schon jede gern geheiratet, aber stopfen lernen, nein, stopfen lernen, das wollten sie doch nicht.