Unter den Hausmädchen im Königsschloß nun war eine, die war boshaft und zanksüchtig. Mit allen andern Mägden hatte sie Streit, und wenn sie jemand etwas zuleide tun konnte, so tat sie es mehr als gern. Just an dem Tage, an dem alle Grafentöchter zum Kaffee im Schloß waren, hatte sie von der Frau Oberküchenmeisterin Schelte bekommen, weil sie von der allerschönsten Torte die Früchte abgegessen hatte. Darüber war sie so wütend, daß sie geschwind ihre Sachen packte und davonlaufen wollte. Vorher freilich gedachte sie allen noch etwas recht Böses anzutun. Sie schlich sich in die Wäschekammer und fand dort den Schrank offen, in dem die goldgelbseidenen Hemden der Prinzen lagen. Da nahm die böse Magd geschwind eine Schere und schnitt eins, zwei, drei lauter Löcher in die Hemden, ritsch, ratsch ging das, und sie hätte die Hemden gewiß ganz und gar zerschnitten, wenn sie nicht die Stimme der Frau Oberwäschebesorgerin gehört hätte. Da riß die böse Magd eilig aus, nahm ihre Sachen, lief zum Schloß hinaus und wanderte in die weite Welt hinein.
Noch an diesem Abend aber wurden die zerschnittenen Hemden entdeckt, und ein großes Wehklagen erhob sich. Die Königin sandte verzweifelt nach der guten Fee, und die kam auch sehr geschwind herbei, aber ach, helfen konnte sie nicht. Und wenn gute Feen nicht helfen können, ist das sehr betrüblich, denn natürlich wollen sie doch allen Menschen etwas Liebes antun. ‚O weh, o weh,‘ klagte die schöne, gute Fee, ‚das ist wirklich ein rechtes Unglück. Die Hemden kann ich nicht ersetzen, und wenn sie zerrissen sind, nützen sie auch nichts gegen all die bösen Verwünschungen. Sie müssen so geflickt sein, daß man den Schaden kaum sieht. Sucht eiligst die geschickteste Flickerin im Land und laßt sie die Hemden flicken. Freilich,‘ setzte die gute Fee traurig hinzu, ‚ich weiß schon, eine rechte Flickerin wird jetzt schwer zu finden sein. Ach, es ist wirklich ein großes, großes Unglück!‘
Der König und die Königin, Prinzen und Prinzessinnen, ja der ganze Hof waren unendlich betrübt. Noch hatte ja jeder Prinz ein unzerrissenes Hemd an, aber wehe, wenn das kaput ging. Gerlinde und Theolinde fingen gleich an, sich im Stopfen zu üben, aber das ging gar nicht, es wurde fürchterlich, man sah es schon von großer Weite, daß da ein Riß geflickt war, und die Fee sagte immer wieder, man dürfe es nicht sehen.
Die Fee verließ sehr traurig das Schloß und ging zurück in ihren Wunderwald. Ganz langsam ging sie durch die Straßen der Stadt, niemand achtete auf sie, niemand wußte, daß die Frau in dem grauen Mantel eine gute, mächtige Fee war. Ein Mägdlein ging vorüber und dachte: ‚Wenn ich eine Fee wüßte, dann ging ich zu ihr und würde sie sehr bitten, mir ein wunderfeines Ballkleid zu schenken.‘ Dabei streckte das Fräulein die Nase in die Luft und rannte die gute Fee beinahe um. Ebenso erging es einem jungen Mann, der auch das Herz voller Wünsche hatte, ihm mußte die Fee sogar noch ausweichen. ‚Die Menschen sind doch manchmal zu ungeschickt,‘ sagte sie ordentlich ärgerlich, und just in diesem Augenblicke purzelte vor ihr ein Bübchen mit seinem Schulranzen hin. Er hatte mit einem andern Buben Kriegsspiel gespielt, aber nun standen alle beide, Freund und Feind, etwas verdattert da, und der Hingefallene heulte laut: ‚Meine Jacke, meine Jacke! Wenn ich nach Hause komme, kriege ich Haue. Huhuhuhu!‘
‚Ach, heule doch nicht,‘ sagte der andere, ‚komm rasch mit, meine Schwester flickt dir geschwind deine Jacke. Sie kann es so gut, daß man nichts mehr von dem Loch sieht. Komm nur, sie tut es schon, sie ist sehr gut.‘
Nun hätte die Fee dem Bübchen schon schnell eine neue Jacke schenken können, denn so etwas ist für eine Fee natürlich nicht schwer, sie tat es aber nicht, sondern folgte eiligst den Buben, die beide bis an das Stadttor gingen dorthin, wo die Waschfrau mit ihren vier Kindern wohnte. Liebelinde saß vor dem Haus unterm Fliederbaum; sie nannten es das Gärtchen, obgleich es nur den einzigen Busch gab. Sie nähte und sang dabei vergnügt ein Liedchen.
„Eile, Nadel, hin und her
Ganz geschwind, doch nicht zu sehr,
Fädchen darf nicht reißen.
Hei, das geht ja wie im Nu,
Löchlein schau, du bist schon zu,
Höslein ist nun heil!“
Als die Buben ankamen und ihr ihre Not klagten, lachte sie und rief: ‚Komm her, du Schelm! Ach du lieber Himmel, ich wollte, ich hätte für jeden Riß, den ich in Bubenhosen und -Jacken schon gestopft habe, ein Goldstück, ei, da sollte es unserer Mutter gut gehen.‘ Dabei nahm sie rasch Nadel und Faden und begann das Jäcklein zu stopfen; es ging wie ein Mühlrädchen. Die Fee war näher getreten, tat, als sei sie eine müde Wanderin, fragte dies, fragte das, und Liebelinde gab ihr bereitwillig Auskunft. Sie erzählte heiter und zufrieden von ihrem stillen, ärmlichen Leben, und dabei hatte sie im Umsehen den Riß zugestopft, kein Linschen war mehr zu sehen. Der Bube zog vergnügt sein Jäcklein an, vergaß auch seinen Dank nicht und lief dann so schnell nach Hause, als sei er Sturmwinds Lehrjunge.
Die Fee nahm ein goldenes Ringlein und sagte zu Liebelinde: ‚Mädchen, oben auf dem Schlosse braucht die Frau Königin eine gute Flickerin; ich sollte meinen, du wärst die Rechte. Geh nur hinauf, gib das Ringlein ab und sag', Gutenberga schicke dich, dann wird dich die Frau Königin schon vorlassen.‘