„Mach die Tür' zu, geschwind, geschwind!“ schnarrte der Papagei und hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwächter aber sagte beleidigt: „Das ist ein unverschämtes Tier, nä, das ist gar kein richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.“ Er warf dem Papagei einen verächtlichen Blick zu, bückte sich, hob seine Mütze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an heimzugehen.
„Hahahahaha, willst du ein Küßchen?“ kreischte der Vogel.
Traumfriede und der Papagei.
„Na, nun schlägt's dreizehn, nun will mir das unvernünftige Biest gar noch einen Kuß geben! Na warte!“ rief Hans Rumps empört. Er nahm sein Horn, das er immer bei sich trug, denn es hätte doch wirklich einmal brennen können, und tutete laut hinein. „Tuttut,“ klang es durch den Wald, und erschrocken flog der Papagei auf – und weg war er.
Verblüfft starrten ihm die Kinder nach. „Nachtwächter,“ riefen sie klagend, „du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts!“
„Schadet nischt,“ sagte Hans Rumps ungerührt, „nun hat das Untier doch mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spät kommt, kriegt ihr Schelte, und nachmittags ist der Vogel, der gewiß gar kein Vogel ist, sicher noch da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen!“
Brummelnd, sehr verdrießlich und doch recht mittagshungrig traten die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwächter tat, als bemerkte er ihren Ärger gar nicht, er ging stolz voran. Daß er dem Vogel Respekt eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam er sich vor. –
Muhme Lenelies' Pflegesohn saß an diesem stillen Sommertag höchst vergnügt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht. Sonderlich schwer machten es die fünf Kühe und drei Ziegen ihrem Hüter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal recht der Traumfriede, er träumte mit offenen Augen wundervolle Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es, als flüsterten die leise aneinanderschlagenden Blätter ihm allerlei seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der Schule von den alten Germanen erzählt, die im heiligen Eichenhain dem Gott Donar geopfert hatten, und von diesen längst vergangenen Tagen rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schädel der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von Elfen und Waldweibchen flüsterte es, von Sommernächten, in denen hier auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Märchenvolk im Tanze drehte. Aus diesen Träumen schrak der Bube plötzlich empor. Über ihm rief eine schnarrende Stimme: „Schafskopp, gib mir ein Küßchen, hahaha, gib mir ein Küßchen!“ Friede faßte sich unwillkürlich an seine Nase und zog kräftig daran, – träumte oder wachte er?