„Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!“ kreischte es da wieder, und nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche saß ein blaugrüner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben sehr prüfend ansah. Friede mußte an das Märchen vom blauen Vogel des Glücks denken, das Muhme Lenelies ihm erzählt hatte. War das nun ein Glücksvogel? Er faßte sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach und träumte nicht mehr, und der Wundervogel gehörte ins Märchenland, also mußte das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber auch die feine, goldene Kette, die von dem Fuß des Vogels herabhing. Gewiß war der Vogel irgendwo ausgerissen. „Lola hat Hunger, Hunger,“ kreischte der Vogel und schlug mit den Flügeln, als wollte er davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot aus dem Sack, zerbröckelte ein Stück und streute es für den seltsamen Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hüpfte aber doch auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und schien sich zu überlegen, ob die Mahlzeit wohl für ein so vornehmes Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblüfft, daß er sich ruhig greifen ließ, plötzlich aber besann er sich und hackte wütend nach Friedes Hand. „Au!“ schrie der Bube laut, hielt den Vogel aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und laut „Schafskopp“ schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, daß er schnarrte: „Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu, mach die Tür' zu!“

Friede lachte: „Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon herauskommen, wem du ausgerissen bist.“ Der Bube war nicht so empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafsköpfe, die ihm der Papagei in seiner Wut zurief, ärgerten ihn nicht. Er lachte darüber, wie drollig das war, daß ein Vogel sprechen konnte. Gewiß war es ein Papagei, von diesen Vögeln hatte der Herr Lehrer auch erzählt.

Über des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig. Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle, an der er früh vorbeikam, füllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei hatte ein ganzes Stück Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt, und so weh es tat, Friede dachte doch: „Gut, daß es die linke Hand ist, da kann ich wenigstens was anfassen.“ Der Papagei zappelte in seinem Gefängnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel durch den Stoff und suchte sein Gefängnis zu zerreißen. Friede hatte einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mußte er immer noch eine Weile zerren und beißen, ehe er ganz frei wurde.

Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wußte nicht recht, was er tun sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war es zu früh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schäden zu heilen wußte.

Es war recht gut, daß an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wäre dem armen Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhüter heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte: „Herr Waldhüter, Herr Waldhüter!“

„Na, was soll's denn?“ brummte der und kam näher. Friede rannte ihm entgegen und erzählte ihm rasch von seinem Fange. „Den suche ich doch gerade, diesen Ausreißer,“ schalt Leberecht Sperling. „Unsere Frau Gräfin ist ganz traurig, und die junge Gräfin heult wie – wie eine Dachrinne.“ Daß eine weinende Gräfin und eine tropfende Dachrinne doch recht verschieden sind, störte den Waldhüter nicht, und Friede fand den Vergleich sehr schön. Leberecht Sperling aber schimpfte auf den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmüllers Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu heiß brannte, und noch auf alles Mögliche und Unmögliche. Als er genug geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er würde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurück. Er brachte in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband Friede unter vielem Stöhnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stück Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher würde er wiederkommen und ihm erzählen, wie er den Papagei nach dem Schloß gebracht hätte. „Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,“ schrie der Gefangene in seinem Korb. „Freilich wird sie zugemacht,“ brummte Leberecht Sperling ungerührt und trabte los.

Friede saß nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der Eiche. Schwatzend, lärmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und hoffnungsvoll kamen ungefähr zwanzig Buben und Mädel angelaufen. „Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen, und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was!“

Traumfriede lachte und erzählte nun von seinem Fang, und daß Leberecht Sperling den Papagei nach dem Schloß getragen hätte. „Das ist doch ein Märchen,“ sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: „Er neckt uns nur.“

Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und erzählte, was der Papagei gesprochen hatte, da mußten es ihm die andern freilich glauben, daß der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton Friedlich, Krämers Trude und noch ein paar andere sagten ein bißchen enttäuscht: „Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts!“

„Pfui,“ murrte der dicke Friede, „ihr seid neidisch, das ist häßlich.“ Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen: „Der Friede verdient's doch, gönnt's ihm doch!“ Da schwiegen die kleinen Neidhammel beschämt. Friede aber war rot geworden, an eine Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den Sinn, wie schön das wäre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen könnte. Darüber vergaß er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: „Tut's sehr weh?“ da lächelte er tapfer: „Es ist nicht so schlimm!“