„In den Ferien darf ich aber immer, immer zu dir kommen?“ bat Friede, dem der Gedanke an den Abschied von seiner treuen Pflegemutter, trotz aller Freude, bitter schwer auf dem Herzen lag.
Muhme Lenelies nickte nur und blieb stehen. Sie waren jetzt beide auf der Höhe des Weges angekommen und sahen unten ein wenig im Tal Oberheudorf liegen. Wie Küchlein an die Henne, so kuschelten sich die Häuser behaglich an die kleine, weiße Kirche an, und die herbstlich gefärbten Bäume standen im goldenen Kranz um das Dorf herum. In der Luft aber war ein seltsames Schwirren und Tönen: große Scharen von Zugvögeln flogen über Dorf und Wald dem fernen Süden zu. „Sie fliegen fort und kommen wieder, denn hier ist ihre Heimat,“ sagte Muhme Lenelies nachdenklich. „Schau, Friede, so soll es dir auch gehen; du sollst wegziehen und wiederkommen, und was auch aus dir wird, Oberheudorf soll immer deine Heimat bleiben, trag sie immer im Herzen.“
Friede nickte und sagte leise und andächtig, wie ein Gelöbnis klang es: „Immer.“
„Da sind sie, da sind sie!“ brüllte es in diesem Augenblick los. Vom Walde her kamen Buben und Mädel, alle mit Körben, Töpfen und Säckchen, sie hatten Waldernte gehalten und Beeren, Pilze und Tannenzapfen gesucht. Dabei hatten sie Leberecht Sperling getroffen, und der hatte sie erst angebrummt und ihnen dann erzählt, Muhme Lenelies und Friede wären von der Frau Gräfin zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden. „Ist das wahr, ist das wahr?“ schrieen sie alle durcheinander. „Hat's viel Kuchen gegeben? War der Papagei da? Was hat er gesagt?“
Muhme Lenelies nickte: „Na ja, Kaffee und Kuchen gab's schon, aber noch was viel Besseres.“ Nun erzählte sie den Kindern von Friedes Glück, und die rissen Mund und Augen auf. In die Stadt sollte Friede und ein gelehrter Herr werden; so etwas war ja noch gar nicht dagewesen! Heine Peterle fuhr sich durch sein Strubbelhaar und murmelte: „Das möchte mir nicht gefallen, nä, – na überhaupt die Stadt! Geh nicht hin, Friede, da ist's dumm!“
Schulzens Jakob aber sagte nachdenklich: „Nachher wirst du gar nichts mehr von uns wissen wollen.“
„Dafür hättest du nun was auf deinen Schnabel verdient,“ rief Muhme Lenelies ärgerlich. „So ein albernes Gerede! Seine Heimat und seine alten Freunde vergißt man nicht in der Fremde, merk dir das, Jakob. Wer das tut, der ist gar nicht wert, so eine schöne Heimat wie Oberheudorf zu haben!“
„Gibt's in der Stadt auch Ferien?“ flüsterte Waldbauers Mariandel und ergriff Friedes Hand.
„Freilich gibt's Ferien,“ sagte Muhme Lenelies, die die Frage gehört hatte, „und dann besucht uns Friede allemal. Aber nun kommt heim, die Sonne geht unter!“
Die gute Sonne hatte wirklich schon die rosenroten Vorhänge ihres Wolkenbettes zugezogen; nur ein wenig, blinzelte sie noch hervor und grüßte mit einem letzten Scheinen und Glänzen die Heimkehrenden. Sie warf noch etwas strahlendes Licht über das Dorf, daß alle Fensterscheiben wie Diamanten blitzten und auf allen Dächern ein Rosenschimmer lag.