Lernen sollte er dürfen, soviel er mochte. Schon der Vater des Grafen hatte eine Stiftung für arme begabte Knaben gemacht. Seit vielen Jahren aber hatte kein Oberheudorfer Bube Lust gehabt, etwas anderes als ein tüchtiger Bauer zu werden. Einmal war einer zur See gegangen, und ein anderer war Tischler geworden, das bestimmte Geld aber hatte keiner verstudiert. Nun war so viel da, daß Friede in einer Stadt lernen und studieren konnte. „Bis Ostern sollst du noch bei Muhme Lenelies bleiben,“ sagte der Graf, „der Herr Lehrer will dich besonders unterrichten, zu Ostern sollst du dann in die Stadt kommen.“

„In die Stadt!“ Plötzlich durchfuhr es Friede: dann mußte er doch von Muhme Lenelies fort, mußte seine Pflegemutter verlassen. Erschrocken sah er zu der Muhme auf, sah in das gute, freundliche Gesicht, und die Stunde fiel ihm ein, in der die Muhme ihn in all ihrer Armut in ihr Haus genommen hatte, fort von dem harten, geizigen Kohlbauern, und an den Winter dachte er, an die Krankheit der Muhme, und wie oft sie da sagte: „Wie gut, mein Friede, daß ich dich habe!“

Traumfriede senkte den Kopf, und ganz leise sagte er: „Das geht nicht.“

„Schafskopp, Schafskopp,“ kreischte drinnen im Zimmer der Papagei, und der Graf sah den Buben ärgerlich an. „Hör mal, unsere Lola scheint recht zu haben. Was ist denn das für eine dumme Rede: Es geht nicht?“

Es ging Friede wieder wie damals auf der Dorfstraße, als seine Kameraden ihn einen Abschreiber genannt hatten: er fand jetzt plötzlich den Mut zu sprechen. Er richtete sich auf und sah mit seinen klaren, blauen Augen den Grafen an und antwortete: „Ich kann doch Muhme Lenelies nicht verlassen! Nein, das geht nicht! Wenn sie wieder krank wird – sie hat niemand – nein – nein, ich will immer bei ihr bleiben.“ Und rasch trat Friede neben die alte Frau und sah diese treuherzig an. Muhme Lenelies legte ihren Arm um den Buben und sagte, und in ihrer Stimme klang es wie heimliches Lachen und heimliches Weinen: „Nä, mein Friede, da sage ich nun, das geht nicht. Du mußt in die Stadt und lernen. Es ist ein großes, großes Glück für dich, daß der Herr Graf für dich sorgen will, dafür wollen wir beide von Herzen dankbar sein. Daß du hast bei mir bleiben wollen, das, Friede, werde ich nie vergessen, das ist akkrat so, als hättest du mir ein großes Schloß, ach, noch viel mehr geschenkt. Aber fort mußt du, da hilft nun nichts.“

„Es gibt ja auch Ferien,“ sagte der Lehrer freundlich.

„Nu richtig!“ rief die Muhme. „Nä, Friede, wird das schön, wenn du dann heimkommst! Du meine Güte, ich freu' mich jetzt schon auf die Ferien wie Faulpelze, die's auch immer nicht erwarten können. Ich mache dann auch Striche in meinem Kalender und zähle die Tage, bis Ferien sind.“

Die Gräfin und die drei Herren lachten laut über die große Ferienfreude der Muhme. Der Graf gab Friede die Hand und sagte freundlich: „Also, mein Junge, es geht doch; was die Muhme sagt, muß geschehen. Da heißt es folgen. Wirst du nun auch fleißig sein?“

„Ja,“ rief Friede so fest und froh, daß seine Beschützer wußten, der Bube würde wirklich ein guter Schüler werden.

Nun mußten Muhme Lenelies und Friede noch Kaffee trinken und Kuchen essen, aber so gut alles war, die beiden konnten vor Freude kaum essen. Es kam ihnen beiden vor, als träumten sie einen schönen Traum, als wären sie ins Märchenland gekommen, und noch als sie schon heimwärts gingen, sagte die Muhme: „Friede, Friede, ich kann's noch gar nicht fassen, du sollst in die Stadt, sollst ein gelehrter Herr werden!“