Für die Oberheudorfer Kinder war das eine vergnügliche Zeit. Jedes Haus hatte sein Gärtchen, jedes Gärtchen hatte seine Obstbäume, und auf der Landstraße nach Niederheudorf standen die Pflaumenbäume wie Soldaten. Sie hingen so voll, daß niemand schalt, wenn sich die Buben und Mädel die herabgefallenen Früchte auflasen. Am Buchberg waren die Haselnüsse reif; die Kinder zogen miteinander zur Nußernte hinaus, was freilich die Eichkätzchen im Walde höchst überflüssig fanden. So ein alter Eichkatzenonkel sagte einmal ingrimmig: „Was die Oberheudorfer Buben und Mädel futtern können, das ist unglaublich. Ob andere Kinder wohl auch so gern etwas Gutes essen?“
An einem dieser reichen, schönen Herbsttage, an dem der Himmel so klar und blau war wie ein einziger großer Saphir, gingen Muhme Lenelies und Traumfriede nach Schloß Friedheim. Die Frau Gräfin hatte sagen lassen, sie möchten beide an diesem Nachmittag zu ihr kommen. Sie wußten beide nicht, warum, und sie waren beide ein wenig unruhig. „Vielleicht hat sie Friedes Arbeit gelesen und will ihm etwas sagen,“ dachte die Muhme, und der Bube hatte den gleichen Gedanken, nur meinte er, loben würde ihn die Frau Gräfin sicher nicht. Ziemlich bedrückt ging er hinter der Muhme her, als ein Diener beide in ein großes Zimmer ließ. „Gib mir ein Küßchen, gib mir ein Küßchen!“ tönte ihnen gleich eine schrille Stimme entgegen, und Muhme Lenelies sagte lachend: „Nä, das ist richtig wieder der verrückte Vogel!“
„Der Papagei!“ jubelte Friede, der alle Scheu vergaß. Bewundernd schaute er den bunten Vogel an. „Wie schön er ist!“
„Meine Mimi ist mir lieber,“ sagte Muhme Lenelies, an ihre lustige kleine Amsel denkend. „Das möchte ich nicht, so 'n Vogel, der mich jeden Tag um einen Kuß bittet.“
„Schafskopp, Schafskopp,“ schnarrte der Papagei so laut, daß die Muhme ordentlich erschrak.
„Mal schimpft er, mal will er 'n Kuß, das wäre mir zu unruhig,“ sagte die Muhme. „Aber nun pass' auf, Friede, dort durch die Türe kommt die Frau Gräfin.“
„Diesmal kommt sie durch eine andere Türe,“ sagte die Gräfin lachend, die von einer großen Veranda aus das Zimmer betrat. Sie reichte der alten Frau und Friede freundlich die Hand und führte beide hinaus auf die Veranda. Dort saßen der Graf, der Pfarrer von Oberheudorf und Friedes geliebter Herr Lehrer. Dem Buben wurde es ganz seltsam feierlich zumute, denn die drei Herren sahen ihn so ernsthaft prüfend an, und geschwind überlegte er, was er alles in der letzten Zeit getan hatte, und atmete erleichtert auf, als ihm kein sonderliches Unrecht einfiel; in der Schule hatte er nur gute Nummern gehabt, das war ihm ein Trost.
Dann sprach der Herr Graf zu ihm. Friede hörte es, aber doch meinte er, der Graf sagte das alles zu einem andern Buben, ihn konnte er doch nicht meinen. Ihm konnte er doch nicht sagen, daß er in die Stadt kommen sollte auf eine Schule, auf der er viel, viel mehr lernen müßte, und daß er dann später einmal auch ein Pfarrer, ein Lehrer oder sonst ein gelehrter Mann werden könnte. Nein, sicher, das galt nicht ihm, dem armen Waisenjungen, der noch vor einem Jahr der jämmerlichste, schmutzigste Bube von Oberheudorf gewesen war.
Doch da rief Muhme Lenelies: „Lieber Gott, das Glück! So gut soll's mal mein Friede haben, mein Junge! Nä, wo soll ich nur da zu danken anfangen!“
Nun wagte Friede erst aufzusehen. Er sah, wie ihn alle freundlich anschauten, sah, wie der Herr Lehrer ihm ermunternd zunickte, und da wurde es ihm erst zur Gewißheit, daß er wirklich der Bube sein sollte, dem ein so großes Glück geboten wurde.