„Wir wissen es noch nicht,“ sagten die Niederheudorfer und schauten sich an. Mitunter nämlich gingen die Kinder auch in die Nachbardörfer; es gab zwar manchmal Streit darum, aber wenn die Kinder wußten, daß in diesem oder jenem Hause besonders reichlich für Fastnachtskuchen gesorgt worden war, dann kamen sie wohl auch dorthin aus einem Nachbardorf.
Anton Friedlich, der wußte, – er hatte es nämlich ausprobiert, – daß Verbieten manchmal recht wenig nützt, rief keck: „Aber das sage ich euch, zum Kohlbauern dürft ihr nicht, dem sein Kuchen gehört uns. Es gibt Prügel, wenn ihr kommt.“
Ein Hohngelächter antwortete den Buben. Die Oberheudorfer aber scherten sich nicht daran, sie behaupteten plötzlich, sie müßten geschwind heim, und eilten alle in das Dorf hinein, ihre Geschäfte zu besorgen. Als sie auf dem Heimweg waren, liefen eine Anzahl Niederheudorfer Kinder ihnen nach und schrieen: „Auf Wiedersehen zu Fastnacht, wir kommen zum Kohlbauern.“
„Wir leiden's nicht,“ riefen die Oberheudorfer drohend zurück. Dann begannen sie zu rennen, damit nur die Niederheudorfer nicht sehen sollten, wie sehr sie lachten. Erst an einem großen Birnbaum, der auf halbem Wege zwischen den beiden Dörfern stand, blieben sie stehen, um sich auszulachen. Von den Niederheudorfern war nichts mehr zu sehen, die hatten das Nachrennen aufgegeben, die standen zusammen und berieten, daß sie zu Fastnacht nach Oberheudorf zum Kohlbauern gehen wollten.
Der Kohlbauer war stets an Festtagen, an denen andere Leute vergnügt und lustig sind, schlechter Laune. Er ärgerte sich, daß Knecht und Magd feierten, er ärgerte sich über den Festkuchen, der gebacken wurde, obgleich er immer tüchtig davon aß, er ärgerte sich eigentlich über die Fliege an der Wand. Am allerärgerlichsten war er aber zu Fastnacht. Seiner Meinung nach war das gar kein Fest, sondern ein Unsinn, und wenn jemand nur das Wort Fastnacht aussprach, dann zog er gleich ein Gesicht, als hätte er einen Liter Essig auf einmal ausgetrunken. Seine einzige Freude war, wenn es an diesem Tage recht regnete oder schneite; je toller das Wetter dann war, desto vergnügter schaute er drein. In diesem Jahre nun war das Wetter am Fastnachtsdienstag aber so schön, als hätte es Muhme Lenelies, die immer allen Kindern nur Gutes gönnte, bestellt. Am frühen Morgen schon hatte die Sonne ihre Vorhänge weit aufgezogen. Kein Wölkchen war am blauen Himmel zu sehen, und die Sonnenstrahlen tanzten auf die Erde herunter, als wollten sie auch Fastnacht feiern.
Man spürte schon den Frühling an allen Ecken und Enden, obgleich er doch eigentlich noch gar kein Recht zu kommen hatte. In Oberheudorf redeten alle von Fastnacht und Frühling durcheinander, Muhme Rese sagte: „Er kommt,“ und Heine Peterle antwortete: „Er ist doch schon da!“ Da meinte halt Muhme Rese den Frühling und Heine Peterle den Fastnachtstag. Der Herr Lehrer freilich schob die Unruhe an diesem Tage nicht auf den Frühling, sondern auf die Fastnachtsfreude, und wunderlicherweise schien er an diesem Tage manches heimliche Schwätzen und Kichern gar nicht zu hören; zum Schluß wünschte er auch allen Kindern noch viel Vergnügen.
Daran fehlte es auch nicht. Mit solchem Jubel und Geschrei stürmten die Kinder heimwärts, daß es selbst Schuster Pechdrahts Nero zu viel wurde, der sonst ein sehr duldsamer Hund war; bellend stürzte er zwischen die Kinder. Ach, aber was kümmerten sich die darum. Die ließen den Nero bellen und die andern Hunde dazu. Fix waren sie in den Häusern drin, und kaum hatten sie den letzten Bissen vom Mittagessen hinuntergeschluckt, da liefen sie schon hinaus, und vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“, das dem Wirt Kaspar auf dem Berge gehörte, trafen sie sich alle miteinander. Nun begann der Umgang. Immer drei und vier gingen zusammen, die einen rechts, die andern links, die einen geradeaus, die andern im Bogen, und bald erscholl vor den Türen das Singen:
„Wir gehen vor des Bauern Haus,
Die Bäurin sieht zum Fenster raus,
Sie schaut so freundlich drein –
Rira, freundlich drein.
Ach, schenk uns was ins Beutelein,
Ins Beutelein hinein.
Schenk uns Wein, schenk uns Weck,
Wir kehren euch morgen die Asche weg,
Rira, Asche weg!“
Alle Kinder fanden dieses Verslein, das schon ihre Väter und Mütter in ihrer Jugend gesungen hatten, wundervoll und sangen es aus lauter Freude daran manchmal dreimal vor einem Haus.