Der Diener ließ die kleinen Ehrenjungfern wirklich in den Saal, und die gingen schnurstracks auf den Herzog los und machten so tiefe Knickse, daß Liese nur mit Annchens Hilfe wieder hoch kam, und Röse sagte tapfer: „Nicht wahr, die Buben sollen keine Haue haben wegen der Schuhe!“
„Bitte, bitte, nicht!“ schrien die andern; es war gerade, als wollte der Herzog selbst die Buben strafen.
Der lachte herzlich und ließ sich von dem Zorn des Schulzen erzählen, und dann mußte Röse ihren Vater herbeiholen. Und der Herzog bat wirklich selbst den Schulzen, er möge diesmal – aber das „Diesmal“ betonte er sehr – die Buben ungestraft lassen; er habe die allerbeste Meinung von Oberheudorf, trotzdem die vier Ehrenjungfern barfuß gewesen wären.
Wenn ein Herzog bittet, dann muß freilich die Bitte erfüllt werden, und so kam es, daß die vier Buben am andern Tage zu ihrem großen Erstaunen außer ein paar Ermahnungen keine Strafe weiter erhielten. Es war freilich sehr beschämend für sie, daß sie diese Milde der Fürbitte der Mädel zu verdanken hatten. Übrigens wurden die vier Ehrenjungfern und die vier unnützen Buben bald darauf die allerbesten Freunde und machten in der besten Eintracht fortan ihre dummen Streiche gemeinsam.
Die Roggenmuhme.
Schulzen-Jakobs Großmutter erzählte einmal im Juli die Geschichte von der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es Ähren zertritt! Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden, wenn die Sonne still und heiß auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit, in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blühender Mohn. Sie ist schön, die Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der nur eine Ähre zertritt.