Und ein anderer, der lang und dünn war und struppige schwarze Haare hatte, rief: „Ich bin Anton Friedlich, und das da ist der blaue Friede!“ Er zeigte dabei auf einen Buben, der blaue Hosen, eine blaue Jacke, blaue Strümpfe und blaue Augen hatte.
„Ich bin Heine Peterle!“ rief ein anderer und spielte sehr vergnügt mit seinen Holzpantoffeln Fangball.
Ein kleines Mädchen trippelte an des Schusters Haus vorbei. Sie hatte braune Zöpfe und braune Schelmenaugen und flüsterte: „Ich heiße Annchen Amsee, und dort kommt Waldbauers Mariandel!“
Hinter ihr kam ein Mädelchen, rosig wie ein Borsdorfer Apfel, mit Haaren, die so gelb waren wie das reifende Korn. Es kamen noch mehr Buben und Mädel, die ihren Namen nannten, es kamen blonde und braune, kleine und große, kecke und schüchterne.
Der junge Fremde nickte allen zu und sprach mit ihnen, und sie zeigten ihm ein großes, rotes Haus, das inmitten grünender und blühender Bäume lag, und sagten: „Das ist die Schule!“ Als der Fremde aber mehr von der Schule wissen wollte, liefen sie fort und lachten.
Als die Sonne sank und ihr Widerschein rot glühend auf den Dächern der Häuser lag und die Wipfel der Bäume aussahen, als wären sie in flüssiges Gold getaucht, nahm der Fremde Abschied von Oberheudorf. Leise rauschte der Abendwind, die Vögel tauschten zwitschernd ihre Abendgrüße, und die Ferne versank in blauer Dämmerung. Heiter ging der Fremde von dannen, und in sein Reisebuch schrieb er: „Oberheudorf ist ein anmutiges, freundliches Dörfchen in schöner Lage. Es ist dort gut sein, ich werde es bald wieder aufsuchen!“
Das tat er auch. Er reiste im Sommer hin, als das Korn reif war und schwerbeladene Erntewagen in das Dorf einfuhren. Dann kam er im Herbst wieder, als alle Äpfel-, Birnen- und Pflaumenbäume voll Früchte hingen und die Kinder von früh bis abend Obst aßen; ja manche nahmen sich Pflaumen oder Äpfel mit ins Bett. Der Fremde kam auch im Winter wieder, aber da wäre er beinahe an Oberheudorf vorbeigelaufen. Das lag so in Schnee gebettet, daß gerade noch die roten Ziegeldächer herausguckten. Das ganze Tal glich einem riesigen Backtrog voll Mehl, und die Häuser lagen darin wie Rosinen im Teig; alles hatte weiße Mützen auf, der Kirchturm, die Dächer, selbst die Fahnenstange vor dem Schulhaus. Und überall standen Schneemänner. Jeder Bube, ja selbst jedes Mädel hatte seinen Schneemann, einer war immer schöner als der andere.
So sah der Fremde Oberheudorf zu jeder Jahreszeit, und immer gefiel es ihm, und jedesmal dachte er: „Wirklich, hier ist es doch gut sein!“
Vielleicht gefällt den Kindern, die dieses Buch lesen, Oberheudorf auch so gut, und wenn sie einmal nicht hinreisen können, so denken sie vielleicht manchmal an das freundliche Dörfchen, das irgendwo im deutschen Vaterland liegt, und in dem sich Buben und Mädel so herzensfroh ihres Lebens freuen.