Der Lehrer selbst eilte in die Mühle, weil er meinte, Trinchen sei gewiß dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen, und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit, denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus, keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Müller durchstreifte in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.

Der schöne, helle Herbsttag wandelte sich allmählich zum Abend, und über die Wiesen zogen weißgraue Nebelstreifen, und mit der immer tiefer werdenden Dämmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind in Oberheudorf immer größer. Einige Leute hatten das Trinchen aus der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu gelaufen. Aber der Wald war groß, über Berg und Tal zog er sich hin, und leicht konnte sich jemand darin verirren.

Friede, der Träumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er hatte für seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen müssen, und der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dämmerung, als der Bube heimkam und auf der Dorfstraße von einigen Schulkameraden von Trinchens Verschwinden hörte. Da ging Friede nicht erst nach Hause, sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle nicht wußten, das wußte er, nämlich einen Ort, wo möglicherweise das Trinchen sein konnte.

Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mögen, mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen Müllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite Kluft, so meinte er und wußte nicht, daß das besinnliche Trinchen dankbar für seine Freundlichkeit gewesen wäre. Heimlich hatte Friede manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes Lieblingsplätzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine, verborgene Höhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin, und wie er die Höhle erreicht hatte, hörte er ein leises Rascheln. Er trat an den Eingang und rief: „Trinchen, bist du da?“

Ein unterdrücktes Schluchzen ward hörbar, und Friede rief bittend: „Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!“

Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem dämmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um sie und sagte: „Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!“

Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr Stimmchen klang unsäglich traurig: „Ich kann nicht nach Hause!“

„Aber Trinchen!“ Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte es und erzählte alles, was er erfahren hatte, daß der Dieb gefunden sei und alle Leute schreckliche Angst um sie hätten.

Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saßen die Kinder nebeneinander auf dem Steingeröll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem kleinen Mädel sprechen könnte. Endlich fragte er: „Trinchen, warum bist du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?“

Es war so dunkel geworden, daß Trinchen nur des Buben Gestalt, aber nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes tröstende Stimme kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches, daß Trinchen ein wenig ihre Schüchternheit verlor und zaghaft von ihrem Plan zu erzählen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen Dingen habe, und daß niemand etwas von ihm wissen wolle.