„Von mir auch nicht,“ sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen heraus, „mich mag keiner, weil ich bloß 'n armer Waisenjunge bin!“

Das besinnliche Trinchen schwieg, es mußte sich wirklich erst auf eine Antwort besinnen, und dann gab es eine, über das es selbst erschrak: „Ich mag dich leiden,“ sagte die Kleine herzhaft.

„Ich dich auch,“ gab Friede zur Antwort.

Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde. Jetzt sträubte sich Trinchen auch nicht länger und ging still mit Friede nach Hause. Je näher sie freilich dem Dorfe kamen, desto größer wurde wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den geängstigten Eltern begrüßt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mußte für sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es für sich selbst nie getan hätte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so erschöpft, daß sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr mit Fragen quälte.

Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mühle hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.

Das besinnliche Trinchen war krank.

Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Müllersleuten, Trinchen sei ein überzartes, schwächliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit über Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht getan; in ihrer übergroßen Schüchternheit hatte sie nicht einmal gewagt, über Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange Aufenthalt in der kühlen, feuchten Höhle hatten den raschen Ausbruch einer schweren Krankheit herbeigeführt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll, sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, daß sie niemand lieb habe.

Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor Herzeleid, und die Müllerin saß am Bett des Kindes, und eine rechte Mutter hätte nicht trauriger sein können um ihr Kind, als sie es war.

Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe umgeben gewesen, daß seine Augen immer strahlender, sein Lächeln immer glücklicher geworden war.

Der Lehrer hatte täglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen und -kameraden kamen, und die Mutter verließ die Kleine kaum eine Stunde.