Seufzend nahm Heine Peterle den Eimer und kletterte die kleine, schmale Treppe hinauf. So viel Arbeit auf einmal war ihm aufgetragen worden! Er stöhnte ordentlich vor Müdigkeit und Faulheit und setzte den Eimer gleich an der Türe ab. Wie schön sauber und kühl es in den Stuben war! Leise schlich Heine Peterle in das zweite Zimmer. Da standen hoch aufgetürmt zwei mächtige Federbetten, und beim Anblick dieser dicken Federnester fühlte der Bube erst recht, wie müde er war. Er vergaß Muhme Rese, die Bohnen, den Hühnerstall und die Eier, und eins, zwei, drei lag er in einem der Betten. Seine Schuhe brauchte er nicht erst auszuziehen, denn er hatte keine an. „Ein kleines Weilchen kann ich schon schlafen,“ dachte er, „nachher mach' ich das Bett glatt, da merkt es niemand!“ Er kugelte sich vor lauter Behagen wie ein Igel zusammen. Ja, das war fein!
Den Kindern unter der Linde wurde nach und nach die Sache etwas langweilig, die Zeit verging, und kein Wagen ließ sich in der Ferne sehen. Anton Friedlich, der immer alles mögliche wußte, nur das nicht, was er in der Schule wissen sollte, rief auf einmal: „Wir wollen Negers spielen!“
„Hurra!“ brüllten die andern begeistert, und Schulzens Jakob kugelte gleich vor Vergnügen ein Stück im Grase hin und her.
„Negers“ war nämlich seit einiger Zeit ein ungeheuer beliebtes Spiel bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln. In einem Geschichtenbuch, das dem Herrn Lehrer gehörte, und das dieser den Kindern geborgt hatte, stand eine Erzählung, worin Neger ein Dorf überfallen. Die Hauptsache bei dem Spiel war, daß eine Anzahl Buben sich die Gesichter schwarz färbten und mit furchtbarem Geschrei auf des Müllers alte Scheune zuliefen. Das war das Dorf, in dem die andern Kinder wohnen mußten. Das Geschrei und die schwarzen Gesichter aber waren bei dem Spiel die Hauptsache. Schulzens Jakob besaß einen ganzen Topf voll Ruß, damit schmierten die Buben sich immer an. Es dauerte auch heute nicht lange, da war das Spiel in vollem Gange. Annchen Amsee stellte eine Prinzessin vor, die auf irgend eine rätselhafte Weise unter die Neger geraten war. Gerade zog der blaue Friede unter schauerlichem Gebrüll die arme Prinzessin mit sich fort, als Schulzens Jakob, seine Negerrolle vergessend, schrie: „Die Stadtleute kommen!“ Der Räuber ließ die Prinzessin los, aus der Scheune stürzten die belagerten Weißen heraus, und sehr einmütig rasten alle zusammen dem näher kommenden Wagen entgegen.
In dem bequemen Landauer saßen zwei Damen und zwei Herren auf dem Bock. Neben dem Kutscher saß noch ein junger Mann, der vergnügt um sich blickte.
Eine der Damen, die ein blasses Gesicht hatte, sah sich um und sagte mit leiser, müder Stimme: „Wie still es hier ist! Ach ja, hier in der Ruhe werde ich mich erholen!“
Der ältere Herr, der ihr gegenüber saß, nickte: „Ja wirklich, es ist so friedlich hier, wie so ganz anders als unsere geräuschvollen Straßen!“
„Hurra, sie kommen, hurra, hurra!“ brüllte es da plötzlich neben dem Wagen, und schwarze und weiße Buben- und Mädelgesichter tauchten auf.
„Mein Himmel,“ schrien die Damen entsetzt, „was ist denn das? Was sind denn das für schreckliche schwarze Kinder?“
„Oh das Geschrei!“ stöhnten alle und hielten sich die Ohren zu, nur der junge Mann auf dem Bocke lachte lustig.