Mariele wurde feuerrot und rief ärgerlich: „Dumme Friederike, geh doch weg!“

Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und zornig. Da schlich sich Mariele beschämt an das Schotenbeet und begann seufzend jedes Unkräutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal mahnend: „Meckmeck, meckmeck!“ Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im Stich zu lassen, sondern jätete so fleißig wie noch nie.

Eines schönen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade dabei war, sich wieder einmal für ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch müde von dem Festtag, und so war es stiller als sonst im Dorf. Außer dem Gackern einiger Hühner hörte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hüter des Hauses, blinzelte nur ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune, in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Düngerhaufen an und wandelte dann um das Haus herum bis an die Tür, die in den Garten führte. Dort standen zwei leere Bierfässer und daneben in einer großen, braunen Schüssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fässern, die für Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwächter aß nämlich für sein Leben gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut, frisches Bier sei zu teuer.

„Was ist denn das?“ dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig, daß sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr vortrefflich. Hätte die Ziege gewußt, was für ein gefährliches Ding Bier ist, sie hätte sich wohl gehütet, davon zu trinken, aber Muhme Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schüssel leer. „Das hat gut geschmeckt!“ dachte Friederike und trat den Rückweg an.

Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach links, einmal stieß sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und pardauz lag sie in einer großen Pfütze.

Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus. Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoßend, geriet die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen Hof. Die Bäuerin hatte mal wieder gefärbt, und über den Zaun waren nasse Stoffstücke gehängt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war naß und kühl, und der Ziege war es furchtbar heiß. Sie rieb sich also eine Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem großen blitzblauen Fleck auf dem weißen Fell weiter.

Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schön rot und grün gestrichenes Blumenbrett, und die unglückselige Friederike, die gerade nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun hatte sie grüne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst noch von ihrem weißen Fell übrig war, sah schmutzig aus.

Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und Röse.

„Seht doch mal, was kommt denn da?“ rief Annchen plötzlich.

„Das ist 'ne Ziege,“ brummte Jakob.