Alette hatte nach den ersten Stunden in dem alten Haus, in das sie mit so frohem Herzen eingezogen war, gemeint, hier würde es ihr doch nicht gefallen. Es war doch alles so ganz, ganz anders, als sie es gewohnt war, und dann – Frau Tippelmann. Die zeigte kein bißchen Freude. Laura nannte sie gleich einen Sauertopf, und wirklich sah Frau Tippelmann auch gar nicht aus, als machten ihr die neuen Hausbewohner viel Freude. August besonders sah sie mißvergnügt an, und sie brummte: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Die kleine Alette wußte nun nichts davon, daß Menschen, die lange einsam waren, nicht so rasch den Weg zu anderen Menschen finden. Sie selbst war wie ein Schneckchen; tippte jemand an ihr Seelenhaus, gleich kroch sie hinein. Sie war immer in allem Reichtum, der sie umgab, ein einsames Kind gewesen. Ihre Mutter war früh gestorben, und der Vater hatte sie oft auf seine Reisen mitgenommen, sie auch wohl bei Freunden untergebracht. Da hatte sie einmal in Südamerika gelebt, in Indien, in Japan, immer in reichen, üppigen Häusern, aber immer fremd, immer im Grunde heimatlos. Immer hatte sie gemeint, am besten auf der Welt müßte es in Breitenwert sein, der Stadt, aus der ihr Großvater stammte. Weil sein Vater so oft und so viel davon gesprochen, hatte Herr Amhag das einstige Familienhaus gekauft. Und als er nun wieder eine weite Reise unternehmen mußte, gab er Alettes Bitten nach und beschloß, diese mit einer Stiefschwester seiner verstorbenen Frau nach Breitenwert zu schicken. Doch diese Tante erkrankte, als Herr Amhag auf Reisen war; sie scheute daher die weite Reise und übergab Alette Frau Juana van Bachhoven, der Frau eines reichen Großkaufmanns, die eine Europareise unternahm. Diese versprach, Alette selbst gut und sicher nach Breitenwert zu bringen, und gab der Kleinen zur Bedienung ihre eigene Zofe Laura.

Laura Budicke oder Fräulein Laura, wie sie sich am liebsten nennen hörte, tat zwar oft recht fremdländisch, sie war aber aus Berlin und hatte nur einige Jahre im Ausland gelebt. Sie fand freilich die Zumutung, in einer kleinen deutschen Stadt zu leben, grauslich, aber sie tat es schließlich gern um Alettes willen. Das hinderte sie nicht, in den ersten Stunden in der Rose alles zu tadeln, und das einzige, was ihr in Breitenwert gefiel, war eigentlich das blonde, rotbäckige Kasperle, das sie freudestrahlend zu Alette brachte. »Da hast du jemand,« rief sie. »So'n Junge! Unsern August will er sehen!«

Kasperle war gar nicht schüchtern. Zu ihm waren immer alle Menschen nett und freundlich, und in der ganzen Löwengasse verwöhnte man Kasperle Grill. Er fand es daher gar nicht erstaunlich, als lieber Gast in die Rose geholt zu werden, und er streckte Alette Amhag zutraulich seine dicke, etwas schmutzige Patsche hin und fragte: »Wo ist Augustle?«

Alette war fast schüchterner als Kasperle, aber nach fünf Minuten war doch die Freundschaft geschlossen, und Kasperle versprach höchst vergnügt: »Weißt, Alettle, ich besuch dich alle Tage, dich und Augustle!«

»Na, und wo bleibe ich?« fragte Fräulein Laura neckend. »Werde ich gar nicht genannt?«

Kasperle sah sich ein wenig verlegen um. Er blickte von Alette zu August und von August zu Laura, und endlich rief er: »Dich besuche ich doch mit, weil du dem Augustle sein Tantle bist.«

Damit war Fräulein Laura zwar nicht einverstanden; eine Affentante mochte sie nicht genannt werden, doch Kasperle sah sie so treuherzig mit seinen runden, blauen Augen an, daß all ihr Groll schwand und sie vor sich hin brummte: »So'n niedlichen Jungen habe ich noch nie gesehen, der könnte wirklich gleich hier drüben in dem alten Muffelhaus bleiben.«

August schien auch seine Freude an dem Gast zu haben, jedenfalls tat er alles, um den zu unterhalten. Er machte die tollsten Sprünge, schoß wundervolle Purzelbäume und saß mal auf dem Tisch, mal unter dem Tisch, er spazierte auf dem Fensterbrett entlang und setzte sich dann wieder höchst feierlich auf einen Stuhl.