»Wie'n Minister!« behauptete Laura. Sie tat, als sähe sie jeden Tag einen Minister irgendwo sitzen. Kasperle jauchzte. Alette lachte, und ihr Lachen lockte Frau Tippelmann herbei. Die vergaß für ein Weilchen ihre viele Arbeit, sie blieb an der Türe stehen und lauschte still diesem klinghellen Gelächter. Sonst pflegte sie immer zu sagen: »Am vielen Lachen erkennt man den Narren.« Heute schwieg sie zu allem lustigen Lärm in dem sonst so stillen Hause. Doch da bekam August plötzlich seine Ministerrolle satt und sprang Frau Tippelmann auf den Kopf, gerade als müßte das so sein.

»Wie drollig!« rief Laura.

»Hat sich was, drollig!« schalt Frau Tippelmann ärgerlich. »Potzwetter, so ein unnützer Wicht!« Und ripsch, rapsch holte sie August von seinem seltsamen Sitz herunter und trug ihn in eine leere Stube. »Hier kannst du dir die Wände begucken,« brummte sie, »zu mehr bist du nicht nütze.«

Kasperle jammerte August laut nach, bis Laura tröstete: »Sei nur gut, mein Engelchen, nachher kommt August wieder. Jetzt sollt ihr erst Schokolade trinken; Alette hat heute so wenig gegessen. Gleich geh ich und sag's Frau Tippelmann.«

Engelchen wurde Kasperle nie genannt, und Schokolade bekam er selten zu trinken, aber beides gefiel ihm, und sein Gesicht hellte sich schnell wieder auf. Da lief Fräulein Laura eilig, das süße Getränk zu bestellen. Doch Frau Tippelmann sagte nicht gleich: »Ja, ich koche,« sie schüttelte bedenklich den Kopf und murrte: »Schokolade, so einfach am Wochentag, das ist in Breitenwert nicht Sitte.«

Laura lachte sie herzhaft aus. Sie erzählte dann schnell, wie reich Herr Amhag und wie verwöhnt Alette sei, und der guten Frau Tippelmann wurde es himmelangst, als sie von all den Landhäusern, Zimmern, Gärten, Dienern und Kleidern hörte, an die Alette gewohnt war. Wie ein Schnurrädchen zählte Fräulein Laura her: »Dies muß Alette haben und das, und eigentlich müßte hier eine Köchin sein, ein Diener, Wagen und Pferde oder ein Auto, und das Haus ist zu alt und der Garten zu klein. Na ja, es dauert nicht lange!« fügte sie hinzu.

»Ist auch gut,« brummte Frau Tippelmann. »Freilich, das will nicht in meinen Kopf hinein, daß so 'n schönes altes Haus, in dem die reichen Amhags so lange gelebt haben, für so 'n kleines Mädchen zu eng sein soll. Na, meinetwegen, ich halt's mit dem Wort: »Was dich nichts angeht, darein misch dich nicht!«

Sie ging und kochte Schokolade; sie tat es mit schwerem Herzen, denn das fremde Wesen im Hause bedrückte sie. So viele Seufzer sie aber auch ausstieß, die Schokolade geriet doch gut dabei, und Kasperle Grill freute sich.

Alette Amhag hätte nie gedacht, daß sich jemand so sehr über Schokolade und Kuchen freuen könnte wie ihr kleiner Gast. Der krähte vor Vergnügen, behauptete, er sei furchtbar schrecklich hungrig und schmauste dann auch wie ein nimmersattes Wölflein. Das arme verbannte Augustle vergaß er für ein Weilchen vollständig, aber auch den Spaziergang, die Eltern und die Geschwister.