Er mußte in einem großen Kreis um Schloß Lochowo herumgegangen sein, die Landstraße, vom Mondlicht erhellt, lag vor ihm, am Ende das Dorf, dessen Kirchturm dunkel in die Nacht hineinragte, zur Seite schimmerten die erleuchteten Fenster von Lochowo. Dort, etwas abseits, stand auch noch das alte Muttergottesbild, und bei seinem Anblick kam ein großes Sehnen in sein Herz, er schritt darauf zu und nahm unwillkürlich den Hut ab. Die Säule stand noch, wie einst, ein wenig schief, ein paar Kränze hingen daran und bewegten sich leise im Winde, er sah auch noch das große, gelbliche Wachsherz hängen, vielleicht auch war es ein neues, das irgend ein Mädchen in der Not des eigenen Herzens gestiftet hatte. Er meinte, jeden Zug des Bildes zu erkennen, die Madonna mit dem gleichmäßigen, freundlichen Lächeln in dem blauen Mantel, den Jesusknaben mit dem goldenen Heiligenschein, und, wie einst der Jüngling, kniete jetzt der Mann nieder und umschlang das alte, hölzerne Bild, als müsse ihm der Trost kommen, und weinte. Thränen voll Zorn, Haß und Bitterkeit, voll Reue über sein eigenes Fehlen und voll namenloser Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies seines unschuldigen Kinderherzens.
Wie lange war es her, daß er nicht mehr geweint hatte, und nun rann die salzige Flut unaufhörlich aus seinen Augen, als müsse sie alles Leid, alle Bitterkeit hinwegschwemmen. Er betete auch, er stammelte unzusammenhängende Worte, er war in dieser Stunde kein Mennonit, kein Katholik, er redete zu dem Vater der Welt, er sprach zu ihm wie ein irrender Sohn, der, müde heimgekehrt, den Kopf an des Vaters Brust birgt. Langsam kam eine erlösende Ruhe über ihn, Klarheit in sein verwirrtes Fühlen und Denken; die Dissonanz seines Inneren löste sich in dieser sternenklaren Nacht zu einem wehmütigen Schmerz, ein stilles Sehnen kam über ihn: nach dem Frieden in Vater Abrahams Hause, nach Tabeas reinen Kinderaugen, dort allein war seine Heimat.
Endlich erhob er sich. »Nun werde ich nicht wieder wankend, noch heute Nacht trete ich den Heimweg an,« klang es in ihm, noch einmal schlang er die Arme um das hölzerne Bild und legte den Kopf daran, er nahm den letzten Abschied von der alten Heimat, in der niemand ihn liebte, die ihm nun völlig zur Fremde werden sollte.
Mit festem Schritt trat er dann den Weg an, der ihn durch das Dorf zu seinem Hause führte, dort wollte er noch Benjamin verständigen und dann zur nächsten Bahnstation wandern.
Je näher er dem Dorfe kam, je greller schlugen die Töne der Tanzmusik an sein Ohr, sie kamen aber von zwei Seiten, und mit leisem Schrecken gewahrte er beim Näherkommen, daß vor dem Krug, trotz der späten Nachtstunde, noch getanzt wurde; zwei Männer vollführten dazu auf einem Dudelsack und einer verstimmten Geige ein grelles Getöse.
Schon zuckte sein Fuß, schon wollte er umkehren, aber nein, dachte er, mögen sie mich schmähen, nun ficht es mich nicht mehr an, und er schritt so gelassen an den Leuten vorüber, als hätten sie ihn nie mit höhnenden Worten gescholten.
»Seht den Ketzer, wo schleicht der in der Nacht herum,« rief eine heisere, trunkene Stimme, aus dem Knäuel der Tanzenden löste sich die Gestalt eines Mannes und schritt auf Michael zu. »Kommst mir gerade recht,« brüllte er den ruhig Stehenbleibenden an, »habe ein Hühnchen mit Dir zu rupfen, psia crew, kennst mich wohl nicht, bist wohl zu vornehm geworden, he?«
»Ich kenne Dich wohl, Woicech,« sagte Michael gelassen zu dem einstigen Spielkameraden, »was willst Du von mir?«
»Wo die Valevka ist, sollst Du mir sagen?«
»Ich kenne keine Valevka, was ist mit ihr?«