Irkutsk bildete das eigentliche Ziel Iwan Ogareff’s.
Der Plan des erbärmlichen Verräthers ging dahin, sich dem Großfürsten daselbst unter falschem Namen anzuschließen, sein Vertrauen zu erschleichen und ihn zur gegebenen Stunde sammt der Stadt den Tartaren in die Hände zu liefern.
Mit dieser Stadt und einer solchen Geißel im Besitz mußte das ganze asiatische Sibirien in die Gewalt der Eindringlinge kommen.
Wir wissen ja von früher, daß dieser Anschlag zur Kenntniß des Czaaren gelangt war, und um ihn zu vereiteln, hatte man Michael Strogoff mit der hochwichtigen Mission betraut. Deshalb erhielt der junge Mann seiner Zeit auch die gemessensten Befehle, das von den Feinden überschwemmte Land unter falschem Namen zu durchreisen.
Bis hierher hatte er seine Mission getreulich erfüllt – würde er sie aber auch jetzt noch ebenso zu Ende führen können?
Der Lanzenstoß, den Michael Strogoff empfing, war nicht tödtlich gewesen. Unter dem Wasser schwimmend erreichte er ungesehen das rechte Flußufer und brach in dem Gebüsch daselbst kraftlos zusammen.
Als er wieder zum Bewußtsein kam, sah er sich zu seiner Verwunderung in der Hütte eines Mujik, der ihn aufgehoben und verpflegt hatte, und dem er zunächst die Rettung seines Lebens dankte. Seit wie lange mochte er der Gast des braven Sibiriers sein? – er vermochte sich darüber keine Rechenschaft zu geben. Als er die Augen öffnete, bemerkte er über sich ein bärtiges, aber freundliches Gesicht, auf dem ein theilnehmendes Lächeln spielte. Schon wollte er fragen, wo er sich befinde, als der besorgte Mujik ihm zuvorkam:
„Sprich nicht, Väterchen, sprich nicht! Du bist noch zu schwach. Ich werde Dir sagen, wo Du bist, und erzählen, was sich zugetragen hat, seitdem ich Dich in mein Häuschen schaffte.“
Der redliche Landmann erzählte hierauf den [pg 1-186] Verlauf des kurzen Kampfes, dessen Augenzeuge er zufällig geworden, den Angriff der Tartarenboote, die Plünderung des Tarantaß, die Ermordung der Fährleute …
Doch darauf hörte Michael Strogoff kaum, er fuhr mit der Hand unter seine Kleidung und fühlte den kaiserlichen Brief noch immer unversehrt auf seiner Brust.