Als sie Kamsk verließen, theilte Michael Strogoff seinen beiden Reisegefährten mit, daß sie nun bis Irkutsk nur noch ein kleines Städtchen, Nishny-Udinsk, antreffen würden. Nicolaus antwortete, daß er dasselbe um so besser kenne, weil sich daselbst eine Telegraphenstation befinde. Erwies sich also auch Nishny-Udinsk so menschenleer wie Kamsk, so blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt Ostsibiriens Beschäftigung zu suchen.
Die Kibitka konnte den Fluß an einer seichten Stelle ohne viel Beschwerde passiren und gelangte wieder auf die Straße, auf welcher nun, zwischen Jeniseï und einem seiner größten Zuflüsse, der Angara, die Irkutsk selbst berührt, wenigstens bezüglich der Wasserläufe, ein ernsthaftes Hinderniß nicht mehr zu gewärtigen war, wenn nicht vielleicht die Dinka [pg 2-116] noch ein solches bot. Die Reise konnte also aus diesen Gründen nicht mehr besonders verzögert werden.
Zwischen Kamsk und dem nächsten Dorfe lag eine große Strecke von etwa einhundertdreißig Werst. Natürlich wurden unterwegs die nöthigen Pausen nicht versäumt, „ohne welche man sich, wie Nicolaus sagte, einen sehr gerechtfertigten Widerspruch des Pferdes zuziehen würde“. Nach stillschweigender Uebereinkunft wußte das treue Thier, daß es nach je fünfzehn Werst ausruhen durfte, und wenn man, sei es auch mit einem Thiere, einen Vertrag abschließt, so muß er von beiden Theilen auch streng beobachtet werden.
Nach Ueberschreitung des kleinen Biriusaflusses erreichte die Kibitka Biriusinsk am Morgen des 4. Septembers.
Dort entdeckte Nicolaus, als er sich nach Vervollständigung seines Mundvorraths umsah, glücklicher Weise ein Dutzend „Pogatchas“, das ist eine Art Kuchen aus Hammelfett mit einer großen Menge in Wasser gekochtem Reis. Dieser Zuwachs paßte recht gut zu dem Vorrath an Kumiß, mit dem die Kibitka in Krasnojarsk hinreichend versehen worden war.
Hier wurde längere Zeit Station gemacht und die Reise erst am Nachmittag des 5. September fortgesetzt. Die Entfernung bis Irkutsk betrug nun fünfhundert Werst. Von dem Vortrab des Tartarenheeres zeigte sich keine Spur. Michael Strogoff glaubte also gegründete Aussicht zu haben, seine Reise binnen acht, höchstens zehn Tagen zu vollenden und vor dem Großfürsten zu erscheinen.
Bei der Abfahrt aus Biriusinsk lief ein Hase, [pg 2-117] etwa dreißig Schritt vor der Kibitka, über den Weg.
„O weh! rief Nicolaus.
— Was ist Dir, Freund? fragte Michael Strogoff, wie es Blinde thun, welche das geringste Geräusch erregt.
— Siehst Du nicht“ … antwortete Nicolaus, dessen heiteres Gesicht sich plötzlich verdüstert hatte.