Bald nach der Abfahrt aus Livenitchnaia erfuhren Alcide Jolivet und sein Gefährte alle die harten Prüfungen des Schicksals, welche Michael Strogoff nebst seiner Begleiterin durchgemacht hatte. Ohne Rückhalt bewunderten sie seine Energie, der nur die Ergebenheit des jungen Mädchens einigermaßen die Wage hielt. Ueber Michael Strogoff aber urtheilten sie in demselben Sinne, wie sich schon der Czaar in Moskau äußerte: „In der That, das ist ein Mann!“
Mitten in den dahin treibenden Eisschollen fuhr das Floß ungemein schnell mit der Strömung der Angara hinab. Ein wechselndes Panorama entrollte sich zu beiden Seiten des Flusses, und in Folge einer optischen Täuschung schien es, als ruhe der schwimmende Apparat und jene Folge pittoresker Bilder ziehe unaufhörlich an ihm vorüber. Hier zeigten sich sonderbar gestaltete hohe Granitfelsen, dort wilde Schluchten, aus denen ein schäumender Bergstrom hervorsprang, manchmal öffnete sich ein weites Thal vor ihren Blicken, in dem ein zerstörtes Dorf noch rauchte, oder ein dichter Wald von Tannen, aus dem die Flammen emporwirbelten. Hinterließen auch die Tartaren überall hinreichend erkennbare Spuren, [pg 2-158]so sah man sie doch selbst noch nicht, da sie sich besonders in den näheren Umgebungen von Irkutsk zusammendrängten.
Indessen unterbrachen die frommen Pilger niemals ihre lauten Gebete, und der alte Seemann hielt das Floß, von dem er die zu nahe heran treibenden Eisschollen mit kräftiger Hand abstieß, immer streng in der Mitte der Strömung der Angara.
Elftes Capitel.
Zwischen zwei Ufern.
Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.
Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand [pg 2-159] zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.
Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.
Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.