Es schien, als ob der durchdringende Blick Sangarre’s mit besonderer Aufmerksamkeit auf ihm hafte, und als wollte die Zigeunerin seine Züge ihrem Gedächtniß unauslöschlich einprägen.

Einige Minuten später verließ dann auch Sangarre den „Kaukasus“, als der Alte mit seiner Truppe schon am Lande war.

„Die reine Zigeunerfrechheit! murmelte Michael Strogoff. Sollte sie mich als Denselben wieder erkannt haben, den sie in Nishny-Nowgorod mit ‚Spion‘ titulirte? Diese verdammten Tsiganen haben Katzenaugen! Sie sehen auch deutlich in der Nacht, und Diese könnte wohl wissen …“

Michael Strogoff war auf dem Punkte, Sangarre und der Gesellschaft zu folgen, aber er bezwang sich noch.

„Nein, nein, dachte er, keinen unüberlegten Schritt! Lasse ich den alten Wahrsager und seine Bande festnehmen, so laufe ich Gefahr, mein Incognito aufgeben zu müssen. Sie sind ja fort, und bevor sie über die Grenze gelangen können, werde ich schon weit über den Ural hinaus sein. Ich weiß wohl, daß sie den Weg von Kasan nach Tschim einschlagen können, aber dieser bietet keinerlei Beförderungsmittel, und ein Tarantaß mit tüchtigen sibirischen Rossen kommt einem Zigeunerwagen allemal zuvor. Also ruhig, bleib’ ruhig, Freund Korpanoff!“

Jetzt waren der alte Tsigane und Sangarre auch schon unter der Menge verschwunden.

Wenn Kasan mit Recht „das Thor Asiens“ genannt wird, wenn man diese Stadt als den Mittelpunkt des Handels von Sibirien und Bukhara ansieht, so kommt das von den zwei hier zusammenlaufenden Straßenzügen her, welche über die Pässe des Uralwalles führen. Michael Strogoff hatte mit guter Absicht den über Perm, Jekaterinenburg und Tiumen vorgezogen. Er bildet die große Poststraße, besitzt reichliche, vom Staate unterhaltene Stationen mit Relais und setzt sich über Tschim bis Irkutsk fort.

Daneben verbindet freilich eine zweite Straße, – eben jene von Michael Strogoff erwähnte, – Kasan und Tschim mit Vermeidung des kleinen Umweges über Perm, welche über Jelabuga, Menzelinsk, Birsk, Zlatoutse, wo sie Europa verläßt, und über Tschelabinsk, Kadrinsk und Kurganne führt. Mag sie auch etwas kürzer sein, als jene, so hält der Mangel an Posthäusern, der schlechte Zustand der Wege und die Seltenheit von Dörfern diesem Vortheil gewiß die Wage. Michael Strogoff mußte mit seiner Wahl um so zufriedener sein, da ihm, wenn die Zigeuner den zweiten Weg von Kasan nach Tschim einschlugen, alle Chancen blieben, vor ihnen anzukommen.

Eine Stunde später läutete die Glocke auf dem Vorderdeck des „Kaukasus“, rief die neuen Passagiere herzu und die alten zurück. Es mochte bald acht Uhr sein. Die Einnahme von Brennmaterial war beendet. Die Wandungen der Kessel zitterten unter der Pressung der Dämpfe. Das Schiff konnte jeden Augenblick abfahren.

Die Reisenden von Kasan nach Perm hatten ihre Plätze an Bord schon eingenommen.