— Im Winter würden wir schneller und sicherer vorwärts kommen, nicht wahr?

— Schneller gewiß, doch würdest Du von der Kälte und dem Schnee schwer gelitten haben.

— Warum? Der Winter ist ja des Russen Freund.

— Ja wohl, Nadia, aber es gehört doch ein gewisses Temperament dazu, diese Freundschaft auszuhalten. Wiederholt habe ich die Kälte in den Steppen Sibiriens bis unter vierzig Grad herabgehen sehen. Ich habe trotz meiner Kleidung aus Rennthierfell[2] mein Herz sich mit Eis überziehen, meine Glieder sich zusammenkrümmen, meine Füße unter dreifacher wollener Umhüllung erfrieren sehen! Ich sah die Pferde meines Schlittens bedeckt mit einem Eispanzer und ihren Athem vor den Nüstern erstarren. Ich sah es, wie der Branntwein in meiner Kürbisflasche zu Stein wurde, so daß kein Messer ihn schneiden konnte!… Mein Schlitten aber flog dahin wie ein Orkan! Da gab es keine Hindernisse auf der geglätteten und unübersehbar weißen Ebene! Keine Wasserläufe, durch die man sonst eine passirbare Furth suchen mußte! Keine Seen, welche Schiffe nöthig machten! Allüberall das harte [pg 1-116] Eis, die freie, sichere Straße. Aber um den Preis welcher Leiden, Nadia! Die allein könnten sie melden, welche nicht wiederkamen und deren Leichname der wehende Schnee begrub!

— Und doch bist Du zurück gekehrt, Bruder! sagte Nadia.

— Ja, aber ich bin Sibirier, und schon als Kind, wenn ich meinem Vater bei seinen Jagdzügen folgte, gewöhnte ich mich an all’ diese harten Proben. Als Du, Nadia, mir aber sagtest, daß der Winter Dich nicht zurück gehalten hätte, daß Du abgereist wärst mit dem Vorsatze, gegen das fürchterliche, unwirthbare Klima Sibiriens anzukämpfen, da sah ich Dich schon im Geiste verloren im Schnee niedersinken, um niemals wieder aufzustehen!

— Wie oft bist Du im Winter durch die Steppe gekommen? fragte die junge Liefländerin.

— Dreimal, Nadia, wenn ich nach Omsk ging.

— Und was thatest Du in Omsk?

— Ich besuchte meine Mutter, welche mich erwartete.