Wirklich wurden einige Tannen, die mit ihren Wipfeln den Felsenscheitel überragten, in einem Augenblick geköpft, so als sauste eine Riesensense über die Hochfläche dahin.
Das Unwetter tobte jetzt in vollster Wuth. Grell flammten die Blitze in den Engpaß hinein und in einem Athem rollte der furchtbare Donner. Der Boden schien unter den furchtbaren Schlägen zu erzittern, so als würde die ganze Uralkette erschüttert.
Zum Glück hatte man den Tarantaß in einer tiefen Felsenaushöhlung ziemlich gut unterbringen können, wo ihn der Sturm nur etwas von der Seite traf; doch war er nicht so vollkommen geschützt, daß er nicht manchmal durch einige von den Bergvorsprüngen abgeleitete Seitenströmungen tüchtig geschüttelt worden wäre. Dabei stieß er wohl gegen die Felsmauer, daß man befürchten mußte, ihn in tausend Trümmer zersplittert zu sehen.
Nadia mußte den von ihr eingenommenen Platz verlassen. Michael Strogoff fand bei einer Nachsuchung mit Hilfe einer Laterne eine kleine Aushöhlung, die wahrscheinlich nur von der Spitzhaue eines Bergmanns herrührte und in welche sich das junge Mädchen verkriechen mußte, bis es möglich würde, die Fahrt wieder fortzusetzen.
Jetzt begann – es war gegen ein Uhr Morgens – der Regen in Strömen herabzustürzen, und nun wuchsen die aus Luft und Wasser gemengten Sturmwehen zu einer ungeheuren Gewalt an, ohne das Feuer des Himmels zu verlöschen. Unter diesen Verhältnissen war an den Wiederaufbruch natürlich gar nicht zu denken.
Trotz aller Ungeduld Michael Strogoff’s – und man begreift wohl, wie groß diese war – mußte er doch das schlimmste Unwetter erst vorübergehen lassen. Da übrigens der Bergrücken, über den die Straße von Perm nach Jekaterinenburg führt, schon erreicht war, so handelte es sich nur noch darum, die Bergabhänge des Ural hinabzufahren, und eine solche Thalfahrt, jetzt, über einen von unzähligen Bergbächen durchwühlten Boden, mitten in dem Sturm und den Regenschauern, hieß wirklich das Leben auf’s Spiel setzen, dem Verderben selbst entgegen eilen.
„Abwarten – es ist schwer, sagte da Michael Strogoff, aber es sichert doch gegen vielleicht noch längere Verzögerungen. Die Heftigkeit des Gewitters läßt mich annehmen, daß es nur von kurzer Dauer sein werde. Gegen drei Uhr muß der Tag grauen, und wenn wir es gar nicht wagen dürfen, in der Finsterniß bergab zu fahren, so wird das nach Sonnenaufgang wenn auch nicht leicht, so doch mindestens ausführbar sein.
— So wollen wir warten, Bruder, erwiderte Nadia, doch wenn Du die Abfahrt aufschiebst, so geschehe es nicht, um mir eine Anstrengung oder Gefahr zu ersparen.
— Ich weiß es, Nadia, daß Du entschlossen bist, Alles zu wagen; wenn ich uns Beide aber bloßstelle, dann setze ich einen noch höheren Preis ein, als mein Leben oder das Deinige, dann entziehe ich mich der Pflicht und dem Auftrage, die ich vor Allem zu erfüllen habe.
— Einer Pflicht!…“ murmelte Nadia.