Jetzt stürmte das Unglück, wie er es einst getragen, auch über die herein, die er in der Welt am innigsten liebte, über diese Familie, die so ganz zur seinigen geworden war. Das Unheil sollte alle Bande, die Brüder, Mutter, Kinder verknüpften, mit roher Hand zerreißen. Alle würden gezwungen sein, von einander zu scheiden, sich zu zerstreuen, vielleicht Irland zu verlassen, da die Heimatinsel ihnen auch den bescheidensten Unterhalt nicht zu bieten vermochte. Im Laufe der letzten Jahre waren bereits dreiundeinehalbe Million Pächter von ihrem Hofe vertrieben worden, und was so viele getroffen hatte, sollte das dem Pachter von Kerwan erspart bleiben?

Gott erbarme sich des armen Landes! Der Hunger wüthet hier wie eine Volksseuche, wie ein grausamer Krieg. Dieselben Geißeln, dieselben Folgen.

Noch ist der Winter von 1740-1741 in frischer Erinnerung, wo so viele der Entbehrung zum Opfer fielen, und ebenso das noch schrecklichere Jahr 1847, »das schwarze Jahr«, das die Zahl der Landesbewohner um fast fünfmalhunderttausend verminderte.

Wenn die Ernten fehlschlagen, werden hier ganze Dörfer entvölkert. Man kann durch die offen gebliebene Thür der Farmen eintreten: keine Seele ist mehr darin. Die Pächter sind ohne Gnade vertrieben worden, der Landbau ist im Herzen getroffen. Wenn nur Weizen, Roggen, Hafer und Gerste mißriethen, so konnten die Leute zur Noth ein besseres Jahr abwarten. Hat aber ein allzu strenger und andauernder Winter die Kartoffel getödtet, dann bleibt dem Bewohner des flachen Landes nichts andres übrig, als in die Stadt zu flüchten und hier das »work house« aufzusuchen, wenn er's nicht vorzieht, früheren Auswandrern zu folgen. In diesem Jahre mußten sich eine Menge Ackerbauer dazu entschließen. Viele waren mit sich schon einig. In Folge ähnlicher Calamitäten hat sich die Bevölkerung einzelner Grafschaften sehr beträchtlich vermindert. In früherer Zeit hat Irland wahrscheinlich gegen zwölf Millionen Seelen beherbergt, jetzt leben allein in den Vereinigten Staaten von Amerika sechs bis sieben Millionen Ansiedler irischer Abkunft.

Zur Auswandrung schien ja auch die Familie Mac Carthy verurtheilt zu sein. Weder die Wühlereien der Landliga, noch die Meetings, denen Murdock beiwohnte, konnten an diesem Sachverhalt etwas ändern. Die Hilfsquellen des »poor-board« (Armenamtes) erwiesen sich gegenüber so vielen Bedürftigen als unzureichend. Die von der Vereinigung der »home-rulers« genährte Casse mußte bald geleert sein. Einer Erhebung gegen die Großgrundbesitzer, den Plünderungen, die eine solche jedenfalls im Gefolge haben würde, war der Lordlieutenant entschlossen, mit Gewalt entgegenzutreten. Das erkannte man schon an dem Auftauchen zahlreicher Polizeiagenten in den verdächtigen – oder ebenso richtig: in den am schlimmsten betroffenen – Grafschaften des Landes.

Gewiß wäre für Murdock die größte Vorsicht angezeigt gewesen, er aber spottete der Gefahr. Glühend vor Wuth, bethört von Verzweiflung verlor er gänzlich die Herrschaft über sich, stieß die furchtbarsten Drohungen aus und hetzte die Bauern zum Aufstande. Durch sein Beispiel angesteckt, compromittierten sich sein Vater und sein Bruder kaum weniger. Nichts vermochte sie mehr zu zügeln. Findling, der immer das Erscheinen eines Polizeiaufgebotes fürchtete, hielt treulich Wache in der Umgebung der Farm.

Inzwischen lebte man hier von den letzten Hilfsmitteln. Um etwas Geld zu beschaffen, waren einige Möbelstücke verkauft worden. Und jetzt sollte der Winter noch mehrere Monate andauern! Doch woher die Nahrung genommen werden sollte für die Periode bis zum Wiedereintritt der bessern Jahreszeit, das wußte niemand.

Zu dieser Unruhe wegen der Gegenwart und der Zukunft kam nun noch der Kummer, den der Zustand der Großmutter verursachte. Die arme bejahrte Frau wurde von Tag zu Tag hinfälliger. Von den schweren Schicksalsschlägen getroffen, konnte ihr Leben nicht mehr lange währen. Findling blieb meist in ihrer Nähe. Er verließ das Zimmer gar nicht mehr und wich nicht von ihrem Lager. Sie liebte es, daß er bei ihr war und daß er die jetzt zweieinhalbjährige Jenny in den Armen hielt, die sie mit ihrem kindlichen Lächeln erfreute. Zuweilen nahm sie das Kind auch selbst und herzte die Kleine. Doch dabei kam ihr auch der schmerzliche Gedanke, was später aus diesem zarten Mägdlein werden solle, und dann fragte sie Findling wohl:

»Du hast sie doch recht lieb, nicht wahr?

– Ja, gewiß, Großmutter.