Nach Besorgung des Reisegepäcks seines Herrn erhielt der Groom Befehl, sich den ganzen Abend zu dessen Verfügung zu halten. So konnte dieser also das Vorzimmer nicht verlassen, während der junge Piborne inmitten der im Salon lesenden, plaudernden und spielenden Touristen den großen Herrn spielte.
Am folgenden Tage wartete ein Wagen vor dem Thore des Hôtels. Es war das ein großer, bequemer Landauer, zum Niederschlagen des ganzen Verdecks eingerichtet und hinten mit einem schwebenden Sitze für John und Marion. Der Groom hatte auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. In den Koffern führte man außer Kleidungsstücken und Wäsche auch einen tüchtigen Vorrath an Speisen und Getränken mit, um gegen alle Zwischenfälle, wie Verzögerungen der Fahrt und Unzulänglichkeit der Gasthöfe, gerüstet zu sein, denn die regelmäßigen Mahlzeiten der vornehmen Familie durften auf keinen Fall in Frage gestellt sein. Ihre Herrlichkeiten verzichteten indeß beim Aufbruch aus Killarney auf die Benützung des Wagens.
Mit dem praktischen Verstande, dessen sich Lord Piborne – sogar in den Sitzungen des Oberhauses – zu rühmen pflegte, hatte er die Vergnügungsreise in zwei Abtheilungen zerlegt. Der erste Theil umfaßte den Besuch der Seen selbst, der zu Wasser abgemacht werden, und der zweite den der Grafschaft bis zur Küste, der zu Lande erfolgen sollte. Der Landauer hatte die vornehmen Touristen also erst während des letzten Theils der Reise aufzunehmen. Trotzdem fuhr er an diesem Morgen ab, um jene bei Brandons-cottage, am Ende der Seen von Killarney, deren Ostufer er umfuhr, zu erwarten. Da der Lord Piborne in seiner Weisheit die Fahrt über die Seen auf drei Tage bemessen hatte, durften Kammerdiener, Zofe und Groom ihrer Herrschaft natürlich so lange Zeit nicht fern bleiben. Der Findling wenigstens freute sich auch herzlich, über diese glänzenden Wasserspiegel fahren zu sollen.
Das Meer war das freilich nicht, das unendliche Meer, das sich von einem Continente zum andern ausspannt... nur einige beschränkte Seen, die keine Handelsstraße bilden und nur von Touristenbooten durchschnitten werden. Doch auch das genügte schon unserm Findling. Gestern hatte er zum zweitenmale in einem Bahnzuge gesessen, heute sollte er zum ersten Male in einem Boote fahren.
Während John, Marion und der Groom sich zu Fuß nach dem eine Meile entfernten Nordende der Seenreihe begaben, führte den Marquis, die Marquise und deren Sohn eine leichte Kalesche nach derselben Stelle. An der Ecke eines Platzes erblickte Findling im Vorübergehen auch die Kathedrale, zu deren Besuch er keine Zeit gefunden hatte. Auf den Straßen waren nur wenige Leute, und unter diesen mehr Spaziergänger als Geschäftsleute. In Killarney beschränkt sich der regere Verkehr auf die wenigen Monate, während der aus dem Vereinigten Königreiche jährlich gegen zehn- bis zwölftausend Touristen hier eintreffen. Dann scheint die eingeborne Bevölkerung nur noch aus Kutschern und Bootsleuten zu bestehen, die sich um die Kundschaft streiten, welche ihre Dienste gehörig bezahlen muß.
Am Landeplatz erwartete ihre Herrlichkeiten ein Boot mit fünf Mann, vieren für die Ruder und einem für das Steuer. Polstersitze und ein abnehmbares Zeltdach gegen den Sonnenbrand oder gegen anhaltenden Regen sicherten den Fahrgästen die nöthige Behaglichkeit. Lord und Lady Piborne nahmen auf den weichen Bänken Platz, der Graf Ashton neben ihnen, die Diener und der Groom setzten sich im Vordertheile des Fahrzeugs nieder. Nun wurde das Tau losgeworfen, die Ruder tauchten gleichmäßig ins Wasser und das Boot entfernte sich vom Ufer.
Die Seen von Killarney bedecken eine Fläche von einundzwanzig Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der Umgebung die Flüsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckroß- oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe längs des schmalen Lough-Range-Canals die Gewässer des Owengariffe ergießen, und der Untere See, der Lough-Leane, der durch die Lawne und einige kleinere Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmündet. Die Strömung in den Seen verläuft von Süden nach Norden, so daß der Untere See also der nördlichste ist.
Das Gesammtbild der drei Wasserbecken ähnelt etwa einem gewaltigen Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Füße der Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckroß und der Lough-Leane darstellten. Da die Einschiffung am Nordufer des Lough-Leane stattgefunden hatte, ging die Fahrt stromaufwärts, erst durch den unteren, dann durch den Muckroß-See und hierauf mittelst des Lough-Range-Canals nach dem Oberen See. Nach dem Programm des Lord Piborne sollte jedem Seebecken ein Tag gewidmet werden.
Im Süden und Westen dieser Gegend erheben sich die höchsten Bergzüge des Grünen Erin bis zu der prächtigen, in die Küste der Grafschaft Cork eingeschnittenen Bai von Bantry. Hier befindet sich auch der kleine Fischerhafen, in dem Hoche mit seinen vierzehntausend Mann ans Land stieg, als die Republik Frankreich diese 1796 ihren irischen Brüdern zu Hilfe geschickt hatte.
Lough-Leane, der größte der drei Seen, mißt fünf Meilen in der Länge und drei Meilen in der größten Breite. Sein von der Bergkette des Carn-Tual beherrschtes Ostufer ist mit dunkelgrünen Waldmassen eingerahmt, die zum größten Theil zur Domäne von Muckroß gehören. Er enthält zahlreiche Inseln, wie Brown, Lamb, Heron, Mouse u. a., unter denen die Insel Roß die größte und Innishallen die schönste ist.